Interview mit Comedian Ingo Appelt „Das Publikum möchte kein politisch korrektes Programm“

Hilden · Ingo Appelt tritt im April in der Stadthalle Hilden auf. Das Publikum wird sich auf politisch inkorrekten Humor freuen dürfen. Warum er seinem Image ebenso wie der SPD die Stange hält, verrät der Comedian im Interview.

 Wer Ingo Appelt nicht ertragen kann, ist nicht fit fürs Leben, sagt der Comedian über sich selbst.

Wer Ingo Appelt nicht ertragen kann, ist nicht fit fürs Leben, sagt der Comedian über sich selbst.

Foto: Tomy Baldurina

Sie haben sich mal als der erste sozialdemokratische Kabarettist Deutschlands beschrieben – bleibt beim aktuellen Zustand der SPD einem nicht eher das Lachen im Halse stecken?

InGO Appelt Ich war nicht der Erste. Ich war aber wohl der Einzige, der sich geoutet hat. Ich bin seit 38 Jahren Mitglied. Die SPD hat es nicht verdient, dass sie so beschimpft wird. Und dass der Scholz der unbeliebteste Kanzler der Weltgeschichte sein soll, das ist mir ehrlich gesagt ein bisschen zu heftig. Das liegt aber irgendwie auch am Zeitgeist: Wenn man was runtermachen kann, dann wird es auch gemacht.

Sie mögen Herrn Scholz für seine ruhige Art – ist dieser Kanzler nicht vielleicht doch eine Spur zu ruhig? Zu unsichtbar?

Appelt Ja. Und ich mache darüber auch meine Witze. Weil er immer nur lächelt, nenne ihn ja meinen kleinen kackenden Buddha. Die Ruhe, die er hat, ist mir aber lieber als dieses Herumgeprolle von Trump oder Schröder. Grundsätzlich ist die Unsichtbarkeit von Politikern ja dramatisch. Gerade dadurch haben es die Populisten so leicht. In dieser Zeit der Cancel Culture wirst du für alles hingerichtet. Robert Habeck war mal einer der beliebtesten Politiker, dann konnte er eine Insolvenz nicht erklären und schon ist er der größte Trottel. Und der beliebteste Politiker jetzt ist ausgerechnet der Verteidigungsminister. Das ist eine ungute Entwicklung. Jetzt geben wir wieder Milliarden für Waffensysteme aus. Rheinmetall freut sich darüber natürlich.

In der Rückschau weiß man die Neunzigerjahre erst so richtig zu schätzen, oder?

Appelt In den Achtzigern und Neunzigern sind wir mit Leichtigkeit durchs Leben gegangen: Neue Deutsche Welle, Abrüstungsverhandlungen, Wiedervereinigung, Loveparade. Damals war unser Lebensgefühl, dass alles besser wird. Jetzt stagniert es und das wird schon als Abstieg empfunden. Obwohl es uns gegenüber dem Rest der Welt immer noch gut geht, haben wir eine Weltuntergangsstimmung. Vielleicht liegt das ja am Internet...?

Das dürfte seinen Teil dazu beitragen, aber der Wohlstand geht doch spürbar zurück, wenn man sich alleine mal anschaut, wie viele Menschen zur Tafel gehen müssen...

Appelt Und dafür ist die SPD auch mitverantwortlich mit der Einführung des Niedriglohnsektors. Es ist schon bitter, dass ein so reiches Land eine solche Spaltung zulässt. Alleine, wenn man sich die Obdachlosenzahlen anguckt: Ich wohne in Berlin und man sieht, wie das zunimmt.

Wie politisch ist die Bühnenfigur Ingo Appelt?

Appelt Grundsätzlich ist das eine politische Figur. Es geht dabei ja ganz stark um die frustrierte Männlichkeit, die wir gerade ja weltweit sehen. Ob Trump oder Erdogan – wo du auch nur hinschaust, siehst du diese beleidigten Männer, die dann auch noch dazu neigen, nach rechts zu tendieren. Frauen sind tendenziell linksliberal und Männer rechtsradikal, habe ich gelesen. Aber ich wundere mich immer wieder, wie beliebt rechtsradikale Männer bei bestimmten Frauentypen sind. So versaut und brutal die Figur Ingo Appelt auch ist, ist sie doch sehr politisch, quasi eine Aggressionstherapie. Ich lasse mich auf der Bühne auspfeifen, die Leute können mal so richtig ihren Wutbürger rauslassen.

Versteht aber nicht jeder, oder?

Appelt Auf dem alten Markt in Köln hatte ich zum 1. Mai einen Auftritt. Vor der Bühne stand eine Frau vom DGB und sagte mir: „Lieber Ingo, wir wünschen uns ein niveauvolleres Programm.“ Ich habe ihr gesagt: „Wenn du eine halbe Stunde Ingo Appelt nicht aushältst, dann bist du nicht fit fürs Leben.“ Das ist die Botschaft meiner Figur: Stellt euch nicht so an, seid nicht so empfindlich. Politisch unkorrekt, aber lustig – das muss auch mal erlaubt sein. Man stellt sich ja auch nicht bei einer Heavy-Metal-Band in die erste Reihe und hätte es dann gerne ein bisschen leiser.

In den Neunzigerjahren war das, was Sie auf die Bühne und ins Fernsehen brachten, durchaus derbe. So echauffierte sich 1999 das Magazin „Stern“ über Ihren Beitrag zum Weltfrauentag in der RBB-Abendschau. Sarah Kuttner sprach von „sexistischer Scheiße“ – würden Sie so etwas heute noch bringen?

Appelt Ja, man kann das immer noch so bringen. Auf der Bühne im geschlossenen Kreis geht das. Das ist wie im Swingerclub. Ich frage das Publikum ja auch immer, ob wir heute ein politisch korrektes Programm haben wollen. Die einhellige Meinung ist aber: Wir hauen heute auf die Kacke. Und damit ist das Thema dann erledigt. Ich gehe gerne in die Provokation, um zu sehen, wo wir eigentlich stehen.

Wie hat sich der Humor aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Sind Sie weicher geworden? Ist das Publikum empfindlicher geworden?

Appelt Was leider zu beobachten ist, ist eine Radikalisierung in allen Bereichen und damit auch im Humor. Man hat auf der einen Seite diese Wokeness. Auf der anderen Seite nimmt die Aggression zu.

Auf was dürfen sich die Besucher Ihres Programms „Startschuss“ am 26. April in Hilden freuen?

Appelt Gerade nach der Pandemie haben die Leute wieder mehr Lust auf inkorrekten Humor. Ich nenne das auch „betreutes Hassen“. Das ist ein Best-of-Programm. Es ist sehr viel, sehr schnell und leider sehr lustig. Und das ist es, worum es mir jetzt geht: um eine Art Lachtherapie, eine Art Aggressionstherapie. Viele Zuschauer sagen mir danach: „Ich habe schon lange nicht mehr so viel gelacht.“ Die Leute begreifen, dass es an der Zeit ist, den inneren Schweinehund mal wieder auszuführen.

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