Hilden: Hilden/Haan: 4000 können nicht lesen

Hilden : Hilden/Haan: 4000 können nicht lesen

Die Volkshochschule bietet einen neuen Intensivkursus gratis zur Alphabetisierung an – auch für Berufstätige.

Die Volkshochschule bietet einen neuen Intensivkursus gratis zur Alphabetisierung an — auch für Berufstätige.

Wie viele Erwachsene nicht lesen oder schreiben können, lässt sich nur schätzen. "In Hilden und Haan gehen wir von etwa 4000 Frauen und Männern aus", sagt Heiner Fragemann, der stellvertretende Leiter der Volkshochschule (VHS) Hilden-Haan. Wobei das nicht immer bedeutet, dass diese Menschen noch nie lesen oder schreiben konnten. "Ein Teil von ihnen hat es aber nach der Schule nicht mehr angewendet und deshalb verlernt." Wiederum andere könnten es nur sehr schlecht.

Mit einem neuen Abendkursus will die VHS diesen Frauen und Männern nun (wieder) in die Welt der Wörter verhelfen. Er startet Anfang nächsten Monats und dauert bis Dezember 2014 — jeweils zwei Mal die Woche vier Unterrichtsstunden. "Danach können die Teilnehmer lesen und schreiben", verspricht Fragemann. Der Unterricht werde ganz auf die Kenntnisse und Wünsche der Schüler abgestimmt.

"Wir schauen in den ersten Stunden, wer wo steht und welches Ziel jeder hat", erklärt Kursleiterin Vanessa Gersonde-Löcher. "Der eine will vielleicht bestimmte Formulare ausfüllen, der andere Bewerbungen schreiben und wieder ein anderer die Zeitung lesen können." Fünf Teilnehmer hätten sich bereits angemeldet. Die ideale Kursusgröße liege bei zehn. Sollten sich mehr anmelden, richte man gegebenenfalls eine weitere Gruppe ein.

Wie es ist, mit Schriftzeichen nichts anfangen zu können, kann man laut Heiner Fragemann durchaus am eigenen Leib erfahren — auch jemand, der Deutsch lesen und schreiben kann. "Dazu muss man nur mal im Urlaub nach Moskau oder Peking fahren", sagt er. Wer die kyrillische oder chinesische Schrift nicht beherrscht, steht dort vor den Haltestellen- und Straßenschildern ebenfalls wie Ochs vorm Berg.

Seit mehr als 30 Jahren biete die Volkshochschule Alphabetisierungskurse an, berichtet der stellvertretende VHS-Leiter. Vanessa Gersonde-Löcher, die Germanistik und Anglistik studiert hat, ist seit 2007 in diesem Fach Dozentin. "Die jüngste Teilnehmerin, die ich hatte, war 19, die ältesten sind Mitte bis Ende 60", erzählt sie. Wie die 64-Jährige, die sich bislang mit viel Improvisation durchs Leben geschlagen hat, aber jetzt doch endlich lesen und schreiben möchte, weil ihre Enkel in die Schule gekommen sind.

"Die üblichen Alphabetisierungskurse finden nur einmal in der Woche für zwei Stunden statt", sagt sie. Der neue Intensivkursus werde vom NRW-Sozialministerium gefördert und mit Geldern des Europäischen Sozialfonds finanziert. Die höhere Stundenzahl helfe dabei, die nötige Lese- und Schreibpraxis zu bekommen. "Aber natürlich müssen die Teilnehmer auch außerhalb des Unterrichts üben."

Der Kursus richtet sich an alle, die fließend Deutsch sprechen — sowohl Deutsche als auch Zuwanderer. Und da er abends stattfindet, sei er ebenfalls für Berufstätige geeignet. Ebenso für alle, die den (Wieder-) Einstieg ins Berufsleben suchen. "Wir wollen, dass sich die Teilnehmer wohl fühlen, wenn sie schon diesen Schritt machen", versichert Vanessa Gersonde-Löcher. Man sei sehr praxisorientiert. "Die Teilnehmer können gerne eigenes Material mitbringen, das sie lesen oder ausfüllen möchten."

Der Bedarf ist da. "Eine Studie der Universität Hamburg hat belegt, dass 25 Prozent der Schulabgänger nicht ausreichend lesen und schreiben können", berichtet Fragemann. Das passe mit den Beschwerden vieler Betriebe darüber zusammen, dass zahlreiche Bewerbungen vor Fehlern strotzten.

Bei der Werbung für die Kurse sei man auf Dritte angewiesen, damit die Betroffenen von den Angeboten erfahren, sagt Fragemann. Plakate allein mit Bildern habe man zu diesem Zweck noch nicht entworfen. "Damit läuft man schnell Gefahr, das Ganze ins Lächerliche zu ziehen. Und das wollen wir nicht."

(RP)