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„Haus Immanuel“ hatte Charme und Patina

Die Wilhelmine-Fliedner-Realschule schließt im Sommer für immer. : „Haus Immanuel“ hatte Charme und Patina

Wilhelmine Fliedner war die Tochter von Theodor Fliedner, Begründer der Kaiserswerther Diakonissenanstalten. In Hilden gründete sie an der Gerresheimer Straße ein Lyzeum. Dort entstand das erste Schulzentrum der Stadt.

Vor den Sommerferien entlässt die Wilhelmine-Fliedner-Schule ihre letzten 125 Schüler. Dann schließt die evangelische Realschule für immer. Die Rheinische Landeskirche als Träger plant wohl eine Abschiedsfeier. Aber wann sie stattfindet, ist noch offen. Ihren Platz nimmt dann die Evangelische Gesamtschule ein. Ihr Nachbar ist das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium. So eine Kombination ist selten. Und der Ort, an dem beide evangelischen Schulen stehen, ist historisch und steckt voller Geschichten.

 Luise Fliedner (86), Enkelin von Theodor Fliedner und letzte Lehrerin des Lyzeums der Kaiserswerther Diakonissen in Hilden, bei der Grundsteinlegung des Schulneubaus in HIlden am 2. Juli 1960.
Luise Fliedner (86), Enkelin von Theodor Fliedner und letzte Lehrerin des Lyzeums der Kaiserswerther Diakonissen in Hilden, bei der Grundsteinlegung des Schulneubaus in HIlden am 2. Juli 1960. Foto: Christoph Schmidt/Stadtarchiv Hilden

In einem Bürgerhaus an der Mittelstraße gründete Wilhelmine Fliedner 1861 das Lyzeum der Kaiserswerther Diakonissen in Hilden. 1864 zog die Mädchenschule in das neu errichtete Schul- und Internatshaus an der Gerresheimer Straße 74. 1937 musste die konfessionelle Mädchenschule schließen, weil die Nazis ihr sämtliche Zuschüsse strichen. Aus dem Lyzeum wurde ein Altenheim.

 Einweihung der Schulturnhalle im April 1969.
Einweihung der Schulturnhalle im April 1969. Foto: Stadtarchiv Hilden

1955 beschloss die Evangelische Kirchengemeinde, dort wieder zwei Schule einzurichten. Die letzte Kaiserswerther Diakonisse, Else Elbrechter, Leiterin des Altenheims im Haus Imanuel, war von der Idee keineswegs begeistert, berichtet Karl Diedert, der 1955 erster Direktor der Mädchenrealschule und des ihr angeschlossenen Internats wurde. Darauf habe ein „ziemlich frostiger Empfang“ schließen lassen, schreibt er in der Schulchronik. Das riesige, parkartige Areal (rund zehn Hektar) habe einen ganz besonderen Charme gehabt. Das alte Schulhaus mit Turnhalle wurde von einer Firma als Lager genutzt. Mit einer Finanzspritze der Stadt Hilden (30.000 D-Mark) und einer großzügigen Spende einer Hildener Firma wurden Fenster und Türen repariert, Fußböden ausgebessert und ein Waschraum gebaut. Im April 1955  begann der Schulbetrieb. Die Regierung  hatte die Mädchenrealschule aber nur mit einer Auflage genehmigt: Gleichzeitig musste ein Aufbaugymnasium mit Internat eingerichtet werden. Damit sollte den vielen Flüchtlingskinder der damaligen Zeit die Möglichkeit gegeben werden, ihre gestörte oder abgebrochene Schullaufbahn wieder aufzunehmen und zu einem guten Ende zu führen.

 Wilhelmine Fliedner, Tochter Theodor Fliedners, Begründer der Kaiserswerther Diakonissenanstalten, gründete 1861 in Hilden ein Lyzeum. Es war erst in einem Bürgerhaus an der Mittelstraße, ab 1864 in einem neu erbauten Schul- und Internatshaus an der Gerresheimer Straße 74.
Wilhelmine Fliedner, Tochter Theodor Fliedners, Begründer der Kaiserswerther Diakonissenanstalten, gründete 1861 in Hilden ein Lyzeum. Es war erst in einem Bürgerhaus an der Mittelstraße, ab 1864 in einem neu erbauten Schul- und Internatshaus an der Gerresheimer Straße 74. Foto: Stadtarchiv Hilden

In das imposante Haus Immanuel zogen aber nicht nur die Mädchenrealschule und das Aufbaugymnasium ein, sondern auch die ersten zwei Klassen der zum gleichen Zeitpunkt gegründeten städtischen Knaben-Realschule (später Wilhelm-Fabry-Realschule) und zwei Untertertien des städtischen Helmholtz-Gymnasiums. Zusammen mehr als 200 Kinder in acht Klassen von vier verschiedenen Schulen. Das war das allererste Schulzentrum in Hilden. Und ein ganz besonders dazu. Diedert beschreibt die „ehrwürdigen alten Gebäude“, die „idyllische Ruhe“, die „imposante Kulisse des alten Parks“, die „Obst- und Gemüsegärten“, den „efeuumrankten Brunnen mitten auf dem Schulhof“, das „Wäldchen mit Wiesengrund“. Heute würde man vielleicht sagen: Alles fühlte sich ein bisschen wie „Hogwarts“ an, Harry Potters Schule für Zauberei. Dazu gehörten auch Tiere, ein Hund und einige Katzen. Eine Kuh lieferte einen Teil der Milch. Schafe ersparten den Rasenmäher. Und mit den Küchenabfällen wurden Schweine gemästet. Wenn nach den Schlachtfesten die Fleischportionen doppelt so groß gewesen seien wie sonst, hätten viele Kinder trotzdem nichts heruntergebracht, erzählt Karl Diedert, weil sie die liebenswerte Schweinedame Jolante vor sich gesehen hätten. Nach der Ernte wurde der Kartoffel-Acker zum Sportplatz geebnet und gewalzt. Für den Sprint war die Kastanienallee präpariert worden.

 Entlaßjahrgang mit der Mittleren Reife 1968.
Entlaßjahrgang mit der Mittleren Reife 1968. Foto: Edeltraud Esser

1956 nahm die Realschule zwei neue Eingangsklassen auf und zog in das evangelische Gemeindehaus Schulstraße um. Das Aufbaugymnasium bekam vier Klassenräume im „Haus Immanuel“. Auf diese Weise konnte die Stadt Hilden das alte Schulgebäude ganz für ihre Knaben-Realschule und das Helmholtz-Gymnasium nutzen. Und mit der Miete zahlte die evangelische Kirchengemeinde Hilden die Gesamtmiete an Kaiserswerth für das ganze Schulgelände.

 Am 13. April 1961 begann für 391 Schülerinnen in zwölf Klassen der Unterricht im neuen Schulgebäude an der Gerresheimer Straße 74.
Am 13. April 1961 begann für 391 Schülerinnen in zwölf Klassen der Unterricht im neuen Schulgebäude an der Gerresheimer Straße 74. Foto: Stadtarchiv Hilden

Im September 1956 waren die beiden ersten neuen Internatshäuser fertig. Deshalb konnte die evangelische Realschule im Dezember des selben Jahres wieder an die Gerresheimer Straße zurückkehren.

 Wilhelmine Fliedner, Tochter von Theodor Fliedner, gründete 1861 in Hilden ein Lyzeum der Kaiserswerther Diakonissen.
Wilhelmine Fliedner, Tochter von Theodor Fliedner, gründete 1861 in Hilden ein Lyzeum der Kaiserswerther Diakonissen. Foto: Stadtarchiv Hilden

Am 2. Juli 1960 gab es viel zu feiern. Es wurde der Grundstein für einen Neubau gelegt. Und die Schule erhielt den Namen Wilhelmine Fliedner. Damit wollte man ganz bewusst an die Tradition der Kaiserswerther Schuldiakonie in Hilden anknüpfen. Zur Feier kam auch die 86-jährige Diakonisse Luise Fliedner nach Hilden, Enkelin von Theodor Fliedner und letzte Lehrerin des Lyzeums der Kaiserswerther Diakonissen in Hilden. Am 13. April 1961 begann für 391 Schülerinnen in zwölf Klassen der Unterricht im neuen Schulgebäude. Damit war die „Gründerzeit“ der evangelischen Mädchenrealschule beendet, meint Chronist Karl Diedert. Ihm und auch den Kinder hätte im schönen Neubau doch etwas gefehlt - und er erzählt von dem alten, wachstuchbezogenen Sofa im Vorzimmer des Direktors oder der ausgetretenen, eisernen Wendeltreppe im Haus Immanuel.

Im Herbst 1973 wurden in der Wilhelmine-Fliedner-Schule bereits 551 Schüler in 18 Klassen unterrichtet, ab dann auch Jungen. Es war das Ende der reinen Mädchen-Schule und Beginn der Koedukation. Fünf Jahre später hatte die Wilhelmine-Flieder bereits 625 Schülerinnen und Schüler in 20 Klassen.

2001 stand das Evangelische Schulzentrum an der Gerresheimer Straße vor dem Aus. Die Kirchengemeinde Hilden konnte die finanzielle Last nicht mehr allein tragen. Die Rheinische Landeskirche sprang als Träger ein. Für rund 15 Millionen Euro wurden die Wilhelmine-Fliedner-Realschule, das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium und das Internat modernisiert. Zum Schuljahr 2014/15 gab die Landeskirche das Internat auf. Die Zahl der Internatsschüler war auf zuletzt knapp 80 gesunken. Allein durch die Schließung hofft die Landeskirche 330.000 Euro jährlich zu sparen. Heute leben Flüchtling in den ehemaligen Internatshäuser. Die beiden verbliebenen evangelischen Privatschulen auf dem Gelände an der Gerresheimer Straße 74 sind sehr gefragt. Das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium hat im aktuellen Schuljahr 951 Schüler, die evangelische Gesamtschule Hilden 617 Schüler (darunter 388 Hildener). Christoph Schmidt