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Hilden: Gegen das Vergessen

Hilden : Gegen das Vergessen

Petra Burgsmüller führt im Stadtarchiv eine Datenbank über Hildener, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind. Hinterbliebene sollten wissen, was mit ihren Angehörigen geschehen sei, ist ihr Anliegen.

Was Petra Burgsmüller im Stadtarchiv leistet, ist weit mehr als Arbeit: Mit einer Datenbank über im Zweiten Weltkrieg gefallene Hildener Bürger will die 49-Jährige den Hinterbliebenen helfen, die teilweise nichts über ihre verstorbenen Angehörigen wissen. "Ich will die Daten nicht sammeln und hüten wie meinen Augapfel", sagt Burgsmüller. Sie will sie teilen – doch dazu benötigt sie Hilfe. Zwar liefern immer mal wieder Hinterbliebene ein weiteres Puzzlestück, doch das ist leider nicht täglich der Fall.

Und so sucht Petra Burgsmüller weiter: In den Quellen des Stadtarchives, die der frühere Bücherei-Leiter Heinrich Strangmeier einst angelegt hat. Oder in den Datenbanken des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge; oder in alten Büchern und Vereinsunterlagen. Es ist eine mühsame Arbeit, die immer wieder anrührt: "Besonders schlimm sind die Briefe, in denen steht: ,Ich hoffe, ihr seid alle gesund, mir geht es so weit gut.' Heute weiß man, dass das vermutlich der letzte Brief an die Familie gewesen ist", sagt Burgsmüller leise. Alle Dokumente enthalten persönliche Schicksale: Von Vätern, die kurz nachdem sie eingezogen wurden, fielen und Kinder und Ehefrauen hinterließen. Von Söhnen, Ehemännern, Verlobten, die alle nicht zu ihren Liebsten zurückkamen.

Die Arbeit berührt Burgsmüller auch privat: "Ich soll für die Mutter einer Freundin ihren Vater finden. Die Mutter ist 75 Jahre alt und hat einen Stein für ihren Vater auf dem Grab ihrer Mutter aufgestellt, weil sie einen Ort zum Trauern braucht", erklärt Burgsmüller, die bislang bei dieser Suche noch keinen konkreten Erfolg hatte. "Ich kann das Kriegsgeschehen konstruieren, bis auf zwei Tage das Todesdatum eingrenzen und den Raum, in dem er gefallen sein muss. Aber eben nicht genau", bedauert Burgsmüller. Ein wenig konnte sie dem Weg des Gesuchten folgen, so dass die Mutter ihrer Freundin nun sogar überlegt, Reisen an die Orte zu unternehmen, die ihr Vater vor seinem Tod noch besucht hat. "Sie will sehen, was ihr Vater vor Augen hatte", beschreibt Burgsmüller.

Es sei wichtig, dass Hinterbliebene wüssten, was mit ihren Angehörigen geschehen ist. "Wir haben einmal einen Brief von der Wehrmachtsauskunftsstelle erhalten, dass sie einen Verwandten von jemanden suchen, dessen Schicksal sich erst 2007 aufgeklärt hatte. Wir haben dann festgestellt, dass der einzige Verwandte bereits 1968 gestorben war. Ohne dass er wusste, was mit seinem Angehörigen passiert war. So etwas ist furchtbar", sagt Burgsmüller. Doch weit schlimmer findet die Stadtarchiv-Mitarbeiterin, dass "moderne Grabräuber" mit Metalldetektoren Erkennungsmarken oder Stahlhelme aufspüren, um sie im Internet feilzubieten. Solche Praktiken machen sie fassungslos.

Petra Burgsmüller hat ihren Weg gefunden, diese traurigen Begebenheiten zu verarbeiten: "Wir haben hier manchmal Leute sitzen, die nichts über ihre gefallenen Angehörigen wissen. Und ich kann ihnen dann etwas zeigen, einen Brief oder einen Pass, oder ihnen vielleicht sogar sagen, wo die Grabstätte jetzt liegt. Darüber freuen sich diese Menschen unheimlich. Und das sind die Moment, in denen ich weiß, wofür ich das tue", sagt Burgsmüller lächelnd.

(RP)