Serie: "Ich war einmal...": Geburtsort von 32 000 Babys

Serie: "Ich war einmal...": Geburtsort von 32 000 Babys

Weniger als ein Drittel der Zeit, die seit der Erbauung der Villa Esser vergangen ist, hat darin jemand gewohnt. Das Anwesen wurde vornehmlich als Privatklinik genutzt. Prägend war dabei Clemens Biermann.

In der Rückschau gerät manches zur Legende. Über den Gynäkologen Clemens Biermann etwa sagt eine Zeitgenossin, er habe "die Schwangeren auch mit dem Fahrrad abgeholt". Was diese aus medizinischer Sicht eher fragwürdige Anekdote belegen soll, ist die wohlwollende Zugetanheit, die der Gründer der Frauenklinik, bis 1984 auch über die Stadtgrenzen hinaus geschätzt, im Umgang mit seinen Patientinnen zeigte. 1955 hatte der ehemalige Kriegsgefangene die zwischen Hagelkreuz und Kirchhofstraße gelegene Villa Esser zur Privatklinik umfunktioniert.

Der Prachtbau, seit 1921 Dienstwohnung des Direktors der vereinigten Stahlwerke Düsseldorf, Heinrich Esser, war 1945 auf Anordnung der britischen Militärregierung geräumt worden. Essers Spur verliert sich in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Zunächst dient die Immobilie danach als Offiziersmesse, später als Wohnung einer Offiziersfamilie. Nach der Besatzungszeit gelangt das leerstehende Haus in das Eigentum der Westdeutschen Wohnhaus AG, bis eben Biermann sie kauft und zum Geburtsort von 32 000 Kindern macht.

Mondäne Eröffnungsfeier

Fotos, wie sie am 23. März 1955 von der Eröffnungsfeier der Klinik in der "Hildener Zeitung" erschienen, wären heute schlicht undenkbar: Bei Champagner und Zigarren stehen der gut aussehende Biermann, sein Adlatus Kuhwald und andere Gäste im holzgetäfelten Kaminzimmer beisammen. Alle tragen perfekt geschnittene Anzüge mit Einstecktüchern, im Kamin lodern Scheite.

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13 Jahre später wird ein Anbau fällig, die Belegung der Klinik liegt so gut wie immer bei 100 Prozent. 1968 finden von stadtweit insgesamt 2000 Geburten 1800 in der Biermannschen Anstalt statt. Als 1971 das St.-Josefs-Krankenhaus eine neue gynäkologische Abteilung einrichtet, kann der Platzhirsch nicht an sich halten. Biermann verfasst einen offenen Brief, den diese Zeitung abdruckt. Darin wimmelt es vor Ausrufezeichen, besonders bringt ihn auf, dass die Konkurrenz über eine Million DM als "Startkapital" verfüge, während er sich in 17 Jahren alles selbst habe erarbeiten müssen. Er deutet das als Zeichen mangelnden Respekts vor seinen Leistungen.

1978 führt die Nichtaufnahme in den Krankenhausbedarfsplan dazu, dass keine gesetzlich Versicherten mehr behandelt werden können. Der Anteil von privat versicherten Patientinnen indes liegt bei nur rund 14 Prozent. Eigentlich ein Todesurteil. In einer Novelle bessert der Gesetzgeber aber bald nach und gewährt Bestandsschutz für nach der Reichsversicherungsverordnung Versicherte.

Neubeginn

Gleichwohl ist es der Beginn eines allmählichen Endes, das 1984 mit dem Verkauf der Klinik an ein Düsseldorfer Unternehmen, das wenig später an Ort und Stelle die "Capio Klinik Venenzentrum Nordrhein-Westfalen" eröffnen wird, besiegelt wird. Gemeinsam mit Ilyas Yilmaz gründet Biermann darauf die Tagesklinik an der Bismarckstraße. 1998 starb er 82-jährig.

(RP)
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