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Flüchtlingsbeauftragte der Ev. Kirchengemeinde Hilden zieht Bilanz

Interview mit Anne de Wendt : ,Ich bin realistischer und sehr demütig geworden’

Bürgermeisterin Birgit Alkenings hat die Presbyterin 2016 mit dem Förderpreis Integration ausgezeichnet – für ihren unermüdlichen Einsatz für Flüchtlinge. Und Bundespräsident Joachim Gauck hat sie deshalb im Schloss Bellevue empfangen.

Frau de Wendt, Sie sind die Flüchtlingsbeauftragte der Evangelischen Gemeinde Hilden. Wie viele Flüchtlinge betreut die Gemeinde?

de Wendt Jeden Montag zwischen 50 und 70 Menschen. Dazu gibt es auch öfter weitere Termine der Helfenden mit einzelnen geflüchteten Menschen.

Aus wie vielen Ländern kommen diese Menschen?

de Wendt Zehn bis zwölf Ländern.

Wie lange sind diese Menschen schon hier bei uns?

de Wendt Zwischen einer Woche und 3,5 Jahren.

Die Sprache ist der Schlüssel zu allem. Wie klappt es mit dem Deutsch-Lernen?

de Wendt So wie bei uns – von mühsamst bis glänzend, die ganze Bandbreite je nach Vorbildung.

Die Flüchtlinge sollen integriert werden. Das braucht Zeit und langen Atem. Funktioniert Integration in Hilden?

de Wendt Die Schulen tun sehr viel, um die Kinder zu integrieren und das merkt man den Kindern an. Viele Hildener Firmen versuchen etwas für geflüchtete Menschen zu tun. Sie haben sehr viele Schwierigkeiten mit der Bürokratie. Auch die Sportvereine kümmern sich in vielfältiger Weise. Besonders gut funktioniert Integration nach meinem Eindruck, wenn es um persönliche Kontakte von Menschen mit Menschen geht. Dies war meine Motivation zur Gründung des „Café to meet“.

Was ist das?

de Wendt Ein Begegnungscafé für Flüchtlinge und andere Hildener im Gemeindezentrum Reformationskirche. Es existiert seit 2016 und ist aus dem von der evangelischen Kirchengemeinde unterstützten Flüchtlingscamp in der Albert-Schweitzer-Schule hervorgegangen. Hildener helfen bei schwierigen Briefen von Behörden und bei den Schularbeiten für Deutsch- und Integrationskurse. Oder man unterhält sich einfach bei einer Tasse Kaffee oder Tee.

Was sind die größten Probleme, mit denen Sie zu kämpfen haben?

de Wendt Die Wohnungssuche in Hilden. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp. Das Problem ist hier die Residenzpflicht. Anerkannte Flüchtlinge sind verpflichtet, drei Jahre in Hilden zu wohnen. Ein Umzug in eine andere Gemeinde ist nicht beziehungsweise nur in Ausnahmefällen möglich. Deshalb müssen die meisten Flüchtlinge in den städtischen Notunterkünften bleiben. Ein anderes Problem sind Konflikte der Flüchtlinge mit anderen Bewohnern der Notunterkünfte wegen enger Belegung. Und dann gibt es noch schwierige Hürden bei den Behörden, wenn Arbeitswillige und -fähige (Deutschkenntnisse) arbeiten wollen.

Über welchen Erfolg haben Sie sich kürzlich besonders gefreut?

de Wendt Wir haben einige Geflüchtete in Ausbildungsplätze vermitteln können. Außerdem haben wir einer Familie mit drei Kindern geholfen, die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Der Ehemann war von Anfang an arbeitswillig und er arbeitet jetzt endlich und kann seine Familie damit ernähren. Etwas anderes ist es, die Freude in den Augen der geflüchteten Menschen zu sehen, wenn ich/wir wieder ein Problem für sie lösen konnten. Das ist dann ein Geschenk und wahre Freude für mich.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Behörden?

de Wendt Mit dem Bund gibt es bislang keine Berührungspunkte. Mit dem Migrationsdienst des Landes ist die Zusammenarbeit gut, die mit Kreisbehörden sogar exzellent.

Die Stadt hat die Flüchtlinge dezentral in ganz Hilden untergebracht. Anfangs gab es zum Teil große Aufregung. Jetzt offenbar nicht mehr.

de Wendt Ich glaube, die Menschen haben sich an die Existenz der Übergangswohnheime und die Menschen aus anderen Ländern und Kulturen gewöhnt.

Auf wie viele Helfer können Sie  ständig zugreifen?

de Wendt Regelmäßig helfen etwa 30, die Zahl steigt. Besonders schön ist, dass uns mittlerweile auch Schüler unterstützen im Rahmen eines Sozialpraktikums oder einer „Engelzeit“.

Sind das die selben Menschen wie 2015, als Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte: Wir schaffen das?

de Wendt Es sind eine Menge Helfende aus dem „Camp“ dabei, die uns kontinuierlich treu geblieben sind. Die anderen sind Menschen, die anderen Menschen helfen wollen. Sie sind sich aber des langen Weges bewusst. Das war 2015 anders. Die Geflüchteten haben sich aber auch verändert, zumal sie über die gesamte Fluchtsituation in Europa besser informiert sind

Sie haben einmal gesagt, Ihr Einsatz für die Flüchtlinge habe Sie verändert. Wie meinen Sie das?

de Wendt Ich bin offener geworden für Menschen und ihre Motivation. Ich versuche, mehr zu schauen, was ich in solch einer Situation selber tun würde und damit steigt mein Verständnis für diese Menschen. Aber ich bin auch realistischer geworden. Erkenne mehr, wo unsere Arbeit sinnvoll eingesetzt wird. Wir können uns nur in engen Grenzen bewegen und die muss ich kennen, sonst laufe ich gegen die Wand. Und ich bin sehr demütig geworden. Die vielen Schicksalsgeschichten,  die man mir anvertraut, sind schwer zu verkraften. Hier hilft mir mein Glaube und das Wissen, da ist Einer, der mich an diesen Platz gestellt hat, weil ich es kann, und der mich stützt und leitet.