Auf Ein Wort Hanno Nell: Feiern, dass er weg ist?

Auf Ein Wort Hanno Nell : Feiern, dass er weg ist?

Seltsam, an Christi Himmelfahrt zu feiern, dass jemand weg ist. Populärer sind die Feste, an denen Jesus gekommen ist: Weihnachten, als das Wunder passierte, dass Gott zur Welt, zu uns, gekommen ist. Und Ostern, als Jesus wundersamerweise von den Toten auferweckt wurde und wieder zu seinen Jüngern kam. Er war nicht mehr dauerhaft mit ihnen zusammen wie in den Jahren zuvor, aber er ist ihnen mehrfach erschienen, einmal sogar über 500 Menschen auf einmal, wie Paulus über ein dutzend Jahre später schreibt. Schon vierzig Tage nach Ostern erschien er seinen Jüngern aber zum letzten Mal - das hatten sie sich bestimmt anders vorgestellt, und nach Feiern war ihnen danach erst einmal überhaupt nicht zumute, so wie man vielleicht erleichtert ist, wenn die nervige Schwiegermutter abreist oder der großkotzige Schwiegersohn. Auf einem wohl wolkenreichen Berg bekamen sie nicht nur den Auftrag, das Evangelium in der ganzen Welt zu verbreiten, sondern auch die Verheißung, an die bei Taufen genauso wie an den Auftrag erinnert wird: "... und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." Das wäre nicht möglich gewesen, wenn er bei uns auf Erden geblieben wäre. Nur weil er "im Himmel" ist, kann er uns, also verschiedenen Menschen an verschiedenen Orten, nahe sein. "Im Himmel" meint ja keinen geographisch bestimmten Ort, an dem der erste russische Kosmonaut Gott natürlich nicht sehen konnte. Hilfreich ist da die Unterscheidung der englischen Worte sky für den Himmel, an dem die Hochhäuser kratzen, und heaven, dem Himmel Gottes, den es auch schon mal auf Erden geben kann. Dafür ist Jesus in einer Wolke verschwunden und das kann gefeiert werden am Himmelfahrtstag, dass er nicht mehr nur seinen damaligen Jüngern in Israel nahe sein konnte, sondern allen überall auf der Welt nahe sein kann.

DER AUTOR IST PFARRER DER EV.-REFORMIERTEN KIRCHENGEMEINDE GRUITEN

(RP)
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