Erich Warsitz war Pionier des Düsenjet-Zeitalters

Hilden : Erich Warsitz war der erste Jetpilot der Welt

Der Pionier des Düsenjet-Zeitalters flog während des Zweiten Weltkriegs die Wunderwaffen des Hitler-Regimes. Er war der erste Testpilot, der mit einem Düsenjet geflogen ist. Nach dem Krieg eröffnete er eine Fabrik in Hilden. Dort besuchte ihn der Raketen-Forscher und Vater des amerikanischen Raumfahrtprogramm Wernher von Braun im September 1959.

Das erste Düsenflugzeug der Welt startete vor 80 Jahren, am 27. August 1939, in Rostock. zu seinem Jungfernflug. Flugzeugbauer Ernst Heinkel hatte das neuartige Strahltriebwerk entwickeln lassen. Am Steuer des Prototyps He 178 saß Testpilot Erich Warsitz. „Es war ein erhebendes Gefühl, fast geräuschlos mit 800 km/h die Nordspitze der Insel Usedom zu umfliegen“, hat er sich erinnert: „Zeit für fliegerische Versuche blieb mir nicht, denn der Brennstoff reichte ja höchstens für eine Minute, und schon musste ich mich auf die Landung konzentrieren. Ich drückte, huschte im Nu über die Peene und ging mit 500 km/h an den Boden. Die Platzgrenze war erreicht und nach mehreren vorschriftsmäßigen Sprüngen rollte die Maschine aus. Der erste Raketenflug der Welt war geglückt!“ Damit begann ein neues Zeitalter der Luftfahrt. Wenn Hitler die Bedeutung dieser überlegenen Technik früher erkannt und anders eingeschätzt hätte, wäre der Zweite Weltkrieg möglicherweise anders ausgegangen. Erste Düsenjäger kamen zwar noch zum Einsatz, konnten den Untergang des Dritten Reiches aber nicht mehr aufhalten.

1942 hatte Warsitz einen schweren Unfall bei einem Werftflug mit einer Messerschmitt Bf 109. Eine Brennstoffleitung war falsch angeschlossen. Einer der erfahrendsten Testpiloten Deutschlands konnte mehr als ein Jahr nicht mehr ins Cockpit. Er übernahm die Leitung der elterlichen Betriebe und gründet die Warsitz Werke in Amsterdam. Dort wurde Feinmechanik hergestellt. 1943 beauftragte ihn der Rüstungsstab, Ventile und bestimmte Teile für die A4-Rakete in Serie herzustellen.

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches wurde Erich Warsitz im Dezember 1945 von sowjetischen Offizieren aus seiner Wohnung im amerikanischen Sektor in Berlin entführt. Die Russen wollten alles über die Raketen- und Düsenflugentwicklung im Dritten Reich wissen. Warsitz wollte aber nicht kooperieren und wurde zu 25 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. 1950 kehrte er nach Westdeutschland zurück und gründete die „Maschinenfabrik Hilden“ an der Gerresheimer Straße. Seine Fabriken in den Niederlausitz (Luckau), Dresden und Amsterdam hatte er nach dem Zusammenbruch 1945 verloren. Im Hildener Werk ließ er anfangs alte Kugellager reparieren, später wurden Hochleistungspumpen gebaut.

Anfang September 1959 besuchte ihn sein Freund, der weltbekannte Wernher von Braun, in Hilden. Er erfand die Raketentriebwerke für die „Wunderwaffe“ V2 für Hitler, lief nach dem Krieg zu den Amerikanern über und wurde zum Schrittmacher für das amerikanische Weltraum-Programm.  „Raketenpioniere sahen sich in Hilden wieder“ titelte die Hildener Zeitung/Haaner Anzeiger am 7. September 1959. Der Besuch von Brauns in Hilden war ein Medienspektakel. Auch Rundfunk, Fernsehen und überörtliche Zeitungen hatten das „besondere Ereignis“ in „großer Aufmachung“ zu Kenntnis genommen. Beim Empfang des berühmten Gastes (er wurde von amerikanischen Sicherheitsbeamten begleitet) im Garten der Warsitz-Villa (Auf dem Sand 25) sei die „komplette Hildener Prominenz“ zugegen gewesen-  und jede Menge „Zaungäste“. Auf der Gartenterrasse prophezeite Wernher von Braun: „Ich schätze, dass in etwa zehn Jahren ein bemanntes Weltraumschiff auf dem Mond landen wird.“ Da lag von Braun richtig. Am 21. Juli 1969 setzte mit Neil Armstrong (Apollo 11) der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond.

1963 übernahm die Firma Denison die Maschinenfabrik Hilden und produzierte dort Hydraulikventile für industrielle Anwendungen. 2006 schloss der US-Mutterkonzern Parker-Hannifin das Hildener Denison-Werk. Rolf Krebs (ehemaliger Fertigungsleiter Denison Hydraulik) gründete als Gesellschafter und Geschäftsführer mit 25 ehemalige Denison Mitarbeiter die Firma Hilden Komponenten GmbH. Sie gibt es bis heute. Erich Warsitz setzte sich 1965 als Unternehmer zur Ruhe und zog mit seiner Familie in die Schweiz. Er starb am 12. Juli 1983 mit 76 Jahren in Lugano der Schweiz. Sein Sohn Lutz hat ihm im Internet ein Denkmal gesetzt (www.firstjetpilot.com).

Wernher von Braun (l.) besucht seinen Freund Erich Warsitz (r.) Anfang September 1959 In Hilden. Foto: Stadtarchiv Hilden
Wernher von Braun im Juli 1969 vor der Saturn-V-Rakete. Foto: picture alliance / Everett Colle/dpa

Christoph Schmidt

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