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Hilden: Energiewende: Bäcker zeigt, wie es geht

Hilden : Energiewende: Bäcker zeigt, wie es geht

Etwa 1,50 Euro kostet der Liter Diesel zurzeit an den Tankstellen. Was viele Verbraucher aufregt, lässt Roland Schüren kalt. Die zehn Lieferfahrzeuge seiner Bäckerei (15 Filialen, 180 Mitarbeiter) fahren mit günstigem Erdgas.

Den Strom für seinen Firmenwagen, ein alltagstaugliches Elektroauto (Opel Ampera), und einen Elektrolieferwagen (Mercedes Vito eCell) produziert der Hildener Handwerksunternehmer auf dem Dach seiner Backstube (und daheim) selbst – und bekommt noch Geld für den Überschuss, der ins Netz eingespeist wird.

Die Backstube wird mit Biomasse (darunter auch Altbrot) geheizt, gekühlt wird mit Sondenwasser aus dem Erdboden. Für dieses innovative und umweltschonende Energiekonzept wurde die Bäckerei Schüren 2010 mit dem internationalen Nachhaltigkeitspreis "Ecocare" ausgezeichnet. Der Handwerksunternehmer ist aber alles andere als ein "Ökoträumer".

Sein Erfolg beweist, dass sich Ökologie und Ökonomie nicht ausschließen müssen. "Ich will zeigen, dass die Energiewende in der alltäglichen Praxis funktioniert – und dass sie sich rechnet", erläutert Schüren seine Motivation: "Schaut her, es geht auch ohne Super oder Diesel." An der backstubeneigenen Elektrotankstelle am Mühlenbachweg können auch Kunden kostenfrei Strom tanken. "Es kommt nur keiner", bedauert der Bäckermeister. Und schiebt nach: "Noch." Die Kunden staunten, wenn sie die Ladestation entdecken.

Und so sieht die Rechnung des Betriebswirtes aus. 100 Kilometer Ökostrom mit seinem Ampera kosten je nach Stromliefervertrag zwei bis vier Euro, für den Vito (mit Gewerbestrom betankt) etwa 2,75 Euro. Ein Erdgas-Lieferwagen (Sprinter 3,5 Tonnen) kostet zwischen 9,50 und 11 Euro auf 100 Kilometer. Zum Vergleich: Für einen Diesel (Verbrauch 11 Liter) werden bei 1,50 Euro pro Liter 16,50 Euro für 100 Kilometer fällig.

Die Erdgas-Version eines solchen Lieferwagens koste netto 3000 Euro mehr als die Diesel-Version, erläutert Schüren. Seine Fahrzeuge legen im Schnitt rund 80 000 Kilometer zurück, weil die 15 Filialen zwei bis dreimal täglich angefahren werden. Deshalb rechne sich ein Erdgas-Lieferwagen gegenüber einem Diesel für ihn bereits nach sechs Monaten. Für Schüren ist der Erdgasantrieb die Brückentechnologie zum Elektroantrieb. Mit dem geleasten Elektro-Lieferwagen sammelt er Praxiserfahrungen, an denen der Hersteller Mercedes interessiert ist.

Warum setzen nicht mehr Handwerksunternehmen Erdgasfahrzeuge ein? Weil jeder Betrieb anders sei und dies für sich selbst durchrechnen müsse, erklärt Dr. Volker Becker. Er ist Betriebsberater beim Zentrum für Umwelt und Energie in Oberhausen, einer Abteilung der Handwerkskammer Düsseldorf. Viele Handwerkerfahrzeuge hätten teure Spezialeinbauten und wenig Laufleistung. Deshalb würden diese Wagen möglichst lange gefahren. "Wegen der hohen Treibstoffpreise gibt es im Handwerk einen hohen Leidensdruck quer durch alle Gewerke", weiß Becker: "Konkret angepackt wird aber relativ wenig, obwohl die Kammer viel Beratung vermittelt." Die Personalkosten seien für die Betriebe weitaus relevanter als die Energiekosten. Deshalb werde ein Handwerker ein Erdgasfahrzeug nur dann anschaffen, wenn ein Wechsel ohnehin ansteht und sich für seinen Betrieb tatsächlich rechnet, ist sich der Betriebsberater sicher: "Die Energiewende in der alltäglichen Praxis ist für uns eine Dauerbaustelle."

(RP)