Hilden: Endlich Zeit für Australien

Hilden: Endlich Zeit für Australien

Im Oktober 2009 läuft die Amtszeit von Bürgermeister Günter Scheib aus. Eine erneute Kandidatur hat er abgelehnt, weil er künftig mehr Zeit für die Familie haben möchte. Und fürs Reisen, Angeln und Babysitten.

Wer Leni und Günter Scheib im Privaten erlebt, spürt schnell: Hier ist ein eingespieltes Team beisammen. Er, der ehemalige Gymnasiallehrer, seit 1994 Hildener Bürgermeister und, so sagt er, Mitglied im „Verein für deutliche Aussprache“. Sie, die Diplomatische, die gerne ihre Meinung sagt, „aber nicht unbedingt mit dem Holzhammer“. Wenn die beiden erzählen, wie die Politik ihr Leben verändert hat, tun sie das abwechselnd – ohne dass sie sich ins Wort fallen. „Wir sind eine redselige Familie“, sagt Günter Scheib lachend.

Tochter Katrin, 1977 geboren, war noch klein, als der Vater in die Politik ging. „Anfangs war ich nur Mitglied in Ausschüssen, später verdichtete sich das“, erzählt der SPD-Mann, der im Oktober 1978 erstmals in den Rat gewählt wurde, 1989 gegen die CDU-Amtsinhaberin Ellen Wiederhold antrat – und, weil er die Wahl verlor, zunächst deren Stellvertreter wurde. 1994 dann schaffte er es ins Bürgermeisteramt und wurde 2004 wiedergewählt. Von Jahr zu Jahr wurde die Zeit für seine Familie knapper. Natürlich habe sie ihren Mann unterstützt, sagt Leni Scheib: „Wenn man ein Ehepaar ist, kann dieser Weg nicht nur von einem gegangen werden.“ Aber es sei doch vieles zu kurz gekommen, geben beide zu.

  • Brautmeier und Rosen wollen Vorsitzender werden : Geerlings verzichtet auf erneute Kandidatur als CDU-Chef in Neuss

Einiges wollen sie nachholen, wenn Günter Scheib im Oktober 2009 aus dem Amt scheidet. „Wieder etwas spontaner unternehmen“, darauf freuen sie sich. Beide haben ausgeprägte kulturelle Interessen – und Leni Scheib „noch ein paar Gutscheine in petto“. Konzerte und Theateraufführungen wollen sie genießen, Freunde in England besuchen. Und eine lange Reise antreten. „Wir haben seit vielen Jahren Kontakt zu einer Australierin, die mal als junge Frau zwei Monate bei uns gelebt hat. Bald können wir sie endlich besuchen“, freut sich Leni Scheib. Dafür will sich das Paar, das 36 Jahre verheiratet ist, ein paar Wochen Zeit nehmen. Und danach lockt der Golfplatz? Das Nein kommt Günter Scheib entschieden über die Lippen. Aber vielleicht will er wieder angeln, wie früher. Die Ausrüstung steht noch im Keller. Im großen Garten gibt es auch genug zu tun. Und sicherlich wird man Ex-Bürgermeister Scheib auch Kinderwagen schiebend durch Hilden spazieren sehen. Sohn Mathias (1980 geboren) und seine Frau bekommen im Februar Nachwuchs. Das Paar wohnt zwar in Lippstadt, aber in Hilden werde es natürlich ein Kinderbettchen für den Enkel geben, sagen Leni und Günter Scheib. Und vorm Windel wechseln macht sich das Stadtoberhaupt auch nicht bange. Langeweile, nein, davor fürchtet er sich nicht. „Ich habe ja auch noch eine Nebentätigkeit bei der Firma Mach ma und Tu ma“, sagt er mit Blick auf seine Frau. Ein politisches Amt will Scheib nach seinem Ausscheiden nicht übernehmen. Keine Angst vor Entzugserscheinungen? „Ich bin keiner, der nach dem Coach schreit“, sagt der 61-Jährige. Er habe vom ersten Tag seiner politischen Laufbahn gewusst: „Was ich tue, ist endlich.“ Dass ihr der „Rentner“ Scheib auf den Geist gehen könnte, darüber macht sich seine Frau Leni keine Sorgen: „Ich bin ja auch nicht den ganzen Tag zu Hause“, sagt die 59-Jährige, die über all die Jahre immer wieder als Industriekauffrau und Fremdsprachenkorrespondentin gearbeitet hat und sich auch sozial engagiert. In einem aber sind sich beide Ehepartner einig: Wenn Günter Scheib aus dem Amt ausscheidet, „muss man sich neu organisieren“. Eine spannende Perspektive – für beide.

(RP)
Mehr von RP ONLINE