Die Schule der starken Frauen

100 Jahre Theresienschule Hilden : Die Schule der starken Frauen

Die katholische Mädchenrealschule wird 100 Jahre alt und feiert. Am 7. Mai mit einer Messe um 9.30 Uhr in St. Konrad mit Erzbischof Kardinal Woelki. Und mit dem Schulfest „Zeitreise“ von 11.30 bis 16 Uhr auf dem Schulgelände.

Was ist das Besondere der Theresienschule? „Wir sind eine Mädchenschule und wollen Mädchen stark machen“, sagt Schulleiter Dr. Burkhard Langensiepe. Sie sollen Persönlichkeiten mit Verantwortungsbewusstsein und christlichen Werten werden. Das sind die Gene der Theresienschule. Es waren mutige und starke Frauen wie Katharina Speckamp und Schwester Manfreda, die die Theresienschule aufgebaut und durch schwierige Zeiten gebracht haben.

Hilden gegen Ende des Ersten Weltkriegs: An den Fronten krepieren Hunderttausende im Dreck, in der Heimat wird gehungert. Katholische Jungs können nach der Grundschule zur Realschule gehen. Evangelischen Mädchen steht die „höhere Töchterschule der Kaiserswerther Diakonie offen. Für katholische Mädchen gibt es solche Weiterbildungsmöglichkeiten in Hilden nicht.

Katharina Speckamp bot für Volksschulkinder Hausaufgabenbetreuung in ihrer Wohnung an. Daraus entstand die Familienschule 1919, Wehrstraße 6. Daraus ging später die Theresienschule hervor. Foto: Stadtarchiv Hilden

Das will Katharina Speckamp ändern. Die junge Hildenerin ist zu krank, um das Lehrerexamen zu machen. Aber sie ist stark genug, um Volksschulkindern Nachhilfe im Haus ihrer Eltern zu geben. Daraus wird dank ihrer Tatkraft 1919 die Familienschule im Haus der Familie an der Wehrstraße 6. Der bekannteste Absolvent ist der spätere Hildener Arzt Dr. Werner Rauen. Die Familienschule hat bald so viele Schüler, dass die Räume an der Wehrstraße nicht mehr reichen. Die katholische Gemeinde St. Jacobus will zwar helfen, aber nicht Träger werden. Sie stellt 1920 kostenfrei Räume im alten Reichshof zur Verfügung: ein Vereinszimmer und einen Teil der Kegelbahn. Zur Finanzierung gründen Bürger 1924 den „Katholischen Höherer Mädchenschulverein“ Die Eltern finanzieren die Schule über Schuldgeld und Spenden. Auf Dauer geht das nicht. Deshalb versuchen sie einen Orden zu finden, der die Schule übernimmt. Die Schwestern, die das Hildener Krankenhaus und den Kindergarten betreuen, lehnen ab. Auch die Franziskanerinnen in Olpe. Doch dann geschieht etwas Merkwürdiges, berichtet die ehemalige Schulleiterin Margarete Karsch in ihrer Schulchronik. Am Tag der geplanten Absage hören die Schwestern bei Tisch eine Lesung aus der Geschichte ihres Ordens. Dabei erfahren sie, dass die Stifterin ihrer Genossenschaft, Mutter Maria Theresia Bonzel, bereits 1871 ein Grundstück in Hilden gekauft habe, um dort eine Schule zu errichten. Die Franziskannerinnen sehen darin einen Wink „von oben“. Am 6. Februar 1926, dem Todestag von Mutter Theresa, übernehmen sie die Schule und nennen sie 1930 nach ihrer Stifterin.

Schwester Manfreda von den Franziskanerinnen in Olpe. Sie übernahmen die Theresienschule (Name ab 1930) 1926. Schwester Manfreda war die erste Schulleiterin der Theresienschule. Sie starb 1946. Foto: Stadtarchiv Hilden

Schulleiterin wird Schwester Manfreda, wieder so eine starke Frau, ohne die es die Theresienschule heute nicht geben würde. Die Mädchenschule erwirbt sich rasch einen guten Ruf. Aber bereits 1932/33 werden ihr die meisten Zuschüsse gestrichen. Die Schwestern machen ihrem Gelübde der Armut alle Ehre und leben am Existenzminimum. Die weltlichen Lehrer verzichten auf das volle Gehalt. 1935 erhöht der zuständige Dezernent der Regierung, Regierungsrat Mauersberger, ein Nationalsozialist, den Druck und streicht den Zuschuss ganz.

Eröffnungsfeier der Mädchenrealschule und Aufbauschule am 19. April 1955. Foto: Stadtarchiv Hilden

Die Theresienschule muss einen Teil ihrer weltlichen Lehrer entlassen. Jene, die bleiben, bekommen nur noch 60 Prozent des üblichen Gehalt. Die meisten Eltern erklären sich bereit, das Schulgeld von 10 auf 15 Mark im Monat zu erhöhen. Die katholische Mädchenschule muss lernen, mit den neuen Machthabern zu leben. Sie hisst bei vorgeschriebenen Anlässen eine Hakenkreuzfahne und zeigt den Hitler-Gruß mit ausgestrecktem Arm. 1939 führt die Regierung verpflichtend die neuen Fächer Hauswirtschaft und Gartenbau ein. Die Schwestern geben ihr Badezimmer her, das zur Schulküche wird. Und Katharina Speckamp stellt ihren Privatgarten zur Verfügung.

Die Theresienschule war von 1924 bis 1974 im alten Reichshof (rechts) untergebracht. 1959/60 kamen zwei Holzklassen (Baracken) auf dem Schulhof dazu. Genutzt wurden auch Räume im katholischen Jugendheim und im alten Kindergarten. Foto: Zelger, Thomas

Die Nationalsozialisten schließen nach und nach die konfessionellen Schulen. Zu Ostern 1940 soll die Theresienschule den Betrieb einstellen, teilt der Regierungspräsident der Stadt Hilden mit. Doch Katharina Speckamp und einige Eltern wollen nicht aufgeben. Sie haben einen Verbündeten bei der Regierung, Regierungsrat Storck. Sein Vorgänger, der Nazi Mauersberger, war einberufen worden. Man trifft sich heimlich in einem Düsseldorfer Café. Ergebnis: Katharina Speckamp und Eltern trauen sich viel. Sie gehen in Hilden von Tür zu Tür und sammeln Unterschriften für den Fortbestand der Theresienschule. Storck macht daraus eine Eingabe beim Reichserziehungsministerium. Acht Wochen warten die Theresianer auf Antwort. Dann kommt die Erlösung: Die Theresienschule darf bis zum Endsieg bestehen bleiben.

Bürgermeisterin Dr. Ellen Wiederhold bei der Grundsteinlegung. Foto: Stadtarchiv Hilden

Im November 1940 fallen die ersten alliierten Bomben auf Hilden. Sie treffen das Haus der Kapläne direkt neben dem Reichshof. In der Schule sind alle Scheiben zerborsten, der Unterricht fällt für einige Zeit aus. 1942 ein neuer Schlag: Die Hauptschulen lösen die Mittelschulen ab, Privatschulen dürfen sie aber nicht einrichten. Die unteren Klassen der Theresienschule werden abgebaut, die übrigen sollen auslaufen. Bei Ende des Krieges 1945 hat die Theresienschule nur noch die beiden letzten Jahrgänge –  aber so viele Schüler wie vorher in der ganzen Schule. Viele Eltern wollen ihre Kinder nicht in die Kinderlandverschickung geben. Die Theresienschule wird zum Sammelbecken für die zurückbleibenden Kinder. Der Einzugsbereich der Schule reicht bis Duisburg.

Grundsteinlegung am 25.11.1972. Rechts Direktorin Margarete Bille. Foto: Stadtarchiv Hilden

Am 16. April 1945 ziehen die Amerikaner in Hilden ein. Der schreckliche Krieg ist endlich zu Ende. Die Schulen bleiben aber vorerst sechs Monate geschlossen. Am 18. Oktober 1945 nimmt die Theresienschule den Unterricht wieder auf. 1946 –  als das Schwerste überstanden ist – stirbt Schwester Manfreda. Auch ihre Nachfolgerin Schwester Francesco kämpft mit Geldnot und Raummangel. 1949 sagt der Hildener Stadtrat einstimmig einen Zuschuss zu. Der Orden hat kein Geld. Aber der Reichshof erhält wenigstens einen Anbau mit drei Klassen, Werk- und Musikraum. Die Kegelbahn im alten Reichshof wird zur Schulküche umgebaut. Weil die Zahl der Schülerinnen steigt und steigt, entstehen zwei „Holzklassen“ (heute würde man wohl Baracken sagen) auf dem Schulhof. Anfang der 1960er Jahre kommen zwei Klassen im katholischen Jugendheim unter.

1969 übernimmt das Erzbistum Köln die Trägerschaft der Theresienschule. 1974 wird der Neubau (1971-1974) an der Gerresheimer Straße fertig. Foto: Zelger, Thomas

1969 übernimmt das Erzbistum Köln die Theresienschule  endlich möchte man sagen. Zu dieser Zeit hat sie 449 Schülerinnen in 14 Klassen, aber nur zwölf brauchbare Klassen- und keine Fachräume. Klar ist, ein Neubau muss her. Er entsteht von 1971 bis1974 an der Gerresheimer Straße 53.

Heute hat die Theresienschule 647 Schülerinnen in 23 Klassen. 40 Prozent der Mädchen sind aus Hilden, 60 Prozent kommen aus der Region. Dass die Mädchen in der Schule unter sich sind, hat durchaus Vorteile. Mädchen trauen sich dann mehr zu und zeigen bessere Leistungen, gerade in den Naturwissenschaften, wenn Jungs sich nicht ständig in den Vordergrund drängen. „Fast alle unsere Absolventinnen machen einen berufliche Ausbildung“, stellt Schulleiter Burkhard Langensiepen fest: „Drei Viertel haben die Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe, wechseln zum Berufskolleg und machen ihren Weg.“

Soziales Engagement wird groß geschrieben. Die Theresienschule ist Trade-Fair-Schule, es gibt sogar das Unterrichtsfach „Fairness“ in Klasse 7. Jede Abschlussklasse besucht ein Konzentrationslager und setzt sich mit der deutschen Vergangenheit auseinander. Die Schülerinnen arbeiten in der Aktion Stolpersteine mit, die jedes Jahr an die Nazi-Opfer in Hilden erinnert. Die Mädchen haben eine Partnerschule in Uganda und unterstützen die Hildener Tafel. Und sie haben große Sympathie für den „Friday for Future“. Am 15. März ist eine große Demo in Düsseldorf geplant. „Wir wollen die Aktionen der Schülerinnen wohlwollend begleiten“, verspricht Burkhard Langensiepen.

Christoph Schmidt