Die Not mit der Notfallversorgung

Hilden : Die Not mit der Notfallversorgung

Wenn die Kliniken in Hilden und Haan nicht für neue Basisnotfallversorgung zugelassen werden, verschlechtere das die Versorgungslage für die Menschen, fürchtet die Kplus-Gruppe.

Hilde N. (Name geändert) hatte eigentlich alles richtig gemacht. Als die Hildenerin (60plus) Schmerzen quälten und ihr Hausarzt längst Feierabend hatte, wählte sie die Telefonnummer 116117. Das ist der bundesweite Patientenservice der Kassenärztlichen Vereinigungen. Patienten sollen dort „schnell und unkompliziert“ Hilfe finden, so das Versprechen. „Ich habe zweimal 20 Minuten in der Warteschleife gehangen“, erzählt Hilde N.: „Dann habe ich mir ein Taxi gerufen und bin ins Hildener St.-Josefs-Krankenhaus gefahren. Dort hat man mir sofort geholfen.“ Ohne diese schnelle Hilfe hätte sie ihr Augenlicht verlieren können, habe sie später erfahren. „Wenn ich wirklich in Not bin, fahre ich beim nächsten Mal sofort ins Krankenhaus“, hat sie sich vorgenommen. Notdienstpraxis hin oder her.

Jeder dritte Patient in der Notaufnahme der Krankenhäuser gehört dort gar nicht hin, schätzen Experten. Weil diese Menschen medizinisch betrachtet keine Notfälle sind. Das führt dazu, dass Ärzte und Pfleger in vielen Notaufnahmen überlastet sind. Sie müssen versuchen, die echten von den vermeintlichen Notfällen zu unterscheiden. Es gebe auch Patienten, die sehr klar formulierten, dass sie lieber ins Krankenhaus gehen, weil dort auch abends gearbeitet und mehr Untersuchungen als bei Hausarzt durchgeführt werden, berichtet Dr. Oliver Axmann, Chef der Zentralen Aufnahmeeinheit im St.-Josefs-Krankenhaus: „Aber wir können und wollen diese Patienten nicht ohne Untersuchung wegschicken. Neben ganz profanen rechtlichen Fragen ist das auch eine Frage der medizinischen und ärztlichen Ethik.“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will die Notfallversorgung in Deutschland jetzt ändern und hat einen Gesetzesentwurf vorgelegt. Danach sollen nicht mehr alle Krankenhäuser eine Notfallversorgung anbieten dürfen. Bei sogenannten Maximalversorgern (etwa Unikliniken) sollen „Integrierte Notfallzentren“ eingerichtet werden, die Kliniken und Kassenärztliche Vereinigungen (Vertretungen der niedergelassenen Ärzte) gemeinsam betreiben. Angedacht ist ein „gemeinsamer Tresen“: Dort soll eine Fachkraft entscheiden, ob der Patient zu den niedergelassenen oder den klinischen Ärzten weitergeleitet wird.

Die katholische Kplus-Gruppe, die auch die Krankenhäuser in Hilden und Haan betreibt, sieht die Neustrukturierung der Notfallversorgung kritisch – für die Versorgungssituation, erläutert Pressesprecherin Cerstin Tschirner. Beide Kliniken hätten einen Antrag auf die sogenannte Basisnotfallversorgung gestellt. Es könne aber sein, dass dies abgelehnt werde: „Das würde unserer Ansicht nach die Versorgungslage der Menschen verschlechtern und gefährden.“

Selbstverständlich werde jeder Patient, der vorstellig wird, auch weiterhin versorgt. Dafür müssten die Kliniken dann jedoch finanziell bluten. Denn Kliniken, die nicht mehr an der Notfallversorgung teilnehmen dürfen, sollen nach den jetzigen Plänen nur noch 50 Prozent der Vergütung erhalten. Die Kosten entstehen aber trotzdem in voller Höhe. Die Ärzte könnten ja erst nach der Untersuchung zweifelsfrei feststellen, was dem Patienten fehle und wie er weiter behandelt werden müsse, erläutert die Kplus-Sprecherin.

Als langjähriger Notarzt sieht Chefarzt Oliver Axmann noch weitere Probleme: „Wenn zukünftig nur noch entfernte Integrierte Notfallzentren entscheiden sollen, wo und wie die Patienten behandelt werden, wird das zu enormen Engpässen mit langen Wartezeiten führen, da die Kapazitäten dieser Einrichtungen gar nicht ausreichen würden, die große Masse der ambulanten Patienten zu versorgen. Schon jetzt bekommen wir täglich Anrufe aus der Uniklinik Düsseldorf, ob wir Kapazitäten für ihre Patienten hätten.“

Die Krankenhäuser der höheren Stufe der Notfallversorgung – für den Kreis Mettmann hieße das dann Düsseldorf oder Solingen – werden ohne die kleineren Kliniken die Notfallversorgung nicht sicherstellen können, glaubt Axmann. Das St.-Josefs-Krankenhaus Hilden versorgt im Jahr rund 15.000 Patienten ambulant und 9000 stationär. Der Anteil der ambulanten Patienten, die durch einen Notdienst der niedergelassenen Ärzte (Notdienstpraxis) versorgt werden müssten, betrage rund 40 Prozent.

Wichtige Infos notieren vor dem Notfall

Was können Hilfesuchende in Hilden und Haan aktuell tun, wenn sie nach Praxisschluss einen Arzt brauchen? Genau hinschauen, denn die längst geschlossene Notfallpraxis Hilden ist immer noch im Internet zu finden. Und sich am besten jetzt schon in Ruhe orientieren, damit man im Notfall Bescheid weiß und nicht erst noch recherchieren muss. Verlässliche Informationen finden sich auf der Internetseite der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (www.kvno.de).

Dort werden Hilfe suchende Erwachsene im Kreis an die Notdienstpraxen in Langenfeld (St.-Martinus-Krankenhaus), in Ratingen (St.-Marien-Krankenhaus) und Velbert (Klinikum Niederberg) verwiesen. Velbert ist für Patienten aus Hilden und Haan meist viel zu weit weg.

Eltern mit kranken Kindern sollen sich laut kassenärztlicher Vereinigung nach Praxisschluss an die Kinderärztliche Notfallpraxis Velbert am Klinikum Niederberg oder an die Notdienstpraxis am St.-Marien-Krankenhaus in Ratingen wenden.

Patienten mit Augenproblemen sollen sich an den Augenärztlichen Notdienst für Düsseldorf und den Kreis Mettmann in der Uniklinik Düsseldorf wenden.

Zahnärzte haben einen eigenen Notdienst (Telefon  01805 / 98 67 00).

Dr. Oliver Axmann ist Chefarzt der Zentralen Aufnahmeeinheit im Hildener St.-Josefs-Krankenhaus. Foto: Köhlen, Stephan (teph)

Tipp: In der Zentralen Notdienstpraxis am Evangelischen Krankenhaus in Düsseldorf (Florastraße 38) sind viele niedergelassene Fachärzte bis 24 Uhr im Notdienst, darunter auch Kinder- und Augenärzte.