Der Leiter der VHS Hilden-Haan über die Zukunft der Volkshochschule

Interview Martin Kurth : „Wir brauchen einen langen Atem“

Martin Kurth leitet seit gut zwei Jahren die VHS Hilden-Haan. Er treibt Veränderungen voran und modernisiert die Bildungseinrichtung.

Ist die VHS überhaupt noch zeitgemäß?

Kurth In der VHS Hilden-Haan hat im vergangenen Jahr ein Veränderungsprozess begonnen, aus dem neue Marketing-Methoden hervorgehen (wir sind zum Beispiel nun bei Instagram zu finden) und der zur schrittweisen Einbindung neuer Technologien führen soll. Als Beispiel möchte ich den Einsatz unserer VR-Brillen ab 2020 nennen. Unser Jahresthema wird übrigens passend dazu „Realität(en)“ lauten. Solche neuen Wege sind natürlich nur sinnvoll, wenn sich unsere Kurs- und Seminarthemen ebenfalls weiterentwickeln. Wir arbeiten derzeit an verschiedenen Methoden, um etwas über das Fort- und Weiterbildungsinteresse von Menschen zu erfahren, die noch nie bei uns waren. Allerdings zeichnet sich die VHS gerade dadurch aus, dass sie ein Programm für alle, oder zumindest für möglichst viele Menschen bieten soll und möchte – insofern wird es auch immer „klassische“ Kurse in der VHS geben. Sprachen oder die Berufliche Weiterbildung zum Beispiel sind ohnehin zeitlos.

Wenn die VHS Hilden-Haan morgen schließen würde...?

Kurth …dann gäbe es in Hilden und Haan keine Integrationskurse mehr, da die VHS der einzig zugelassene Sprachkursträger vor Ort ist. Zurzeit befinden sich über 200 Migranten und Flüchtlinge mit einer Verpflichtung der Job-Centern oder der Ausländerbehörde oder mit einer Berechtigung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in einem von der VHS Hilden-Haan angebotenen Deutschkurse. Außerdem ist die VHS in Hilden und Haan die einzige Institution, die Deutschprüfungen wie den Deutschtest für Zuwanderer, den Test „Leben in Deutschland“ oder den Einbürgerungstest abnehmen darf und qualifizierte Prüfer vorhält. Allein im aktuellen Semester nehmen über 150 Prüflinge an einer von uns angebotenen Prüfung teil. Auch könnten jährlich bis zu 100 Jugendliche und junge Erwachsene keinen Schulabschluss (Hauptschulabschluss, Realschulabschluss) erwerben. Sie hätten dadurch nicht nur deutlich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, durch die fehlende sozialpädagogische Betreuung würden sie auch kaum andere Perspektiven für sich entwickeln können. Schließlich würde das klassische VHS-Programm in den Bereichen Politik und Geschichte, Kultur, Gesundheit und Sprachen komplett wegfallen, ein herber Verlust für unsere fast 4500 Teilnehmer pro Semester.

Sie sind  seit Sommer 2017 Leiter des VHS-Zweckverbandes Hilden-Haan – haben Sie schon das erreichen können, was Sie sich damals vorgenommen haben?

Kurth Ich wollte möglichst schnell die Menschen, die Prozesse und das Umfeld der VHS verstehen, um voll handlungsfähig zu sein. Ich glaube, das ist mir gelungen. Nun ergeben sich regelmäßig neue Ziele.

Was verbuchen Sie als Erfolg, was eher als Niederlage?

Kurth Wir etablieren gerade neue Formen der Zusammenarbeit, die zum Ziel haben, dass das ganze Team sich regelmäßig neue gemeinsame Ziele setzt. Gerade haben wir gemeinsam mit großem Engagement die „Lange Nacht der Volkshochschulen“ organisiert – auch wenn wir gern mehr Publikum gehabt hätten sehe ich das als vollen Erfolg, denn insgesamt hat die Organisation gut funktioniert, alle haben sich engagiert, und es hat großen Spaß gemacht. Als Niederlage betrachte ich eigentlich jede Veranstaltung, die wegen Teilnehmermangel ausfallen muss. Insbesondere in großen Veranstaltungen steckt neben der Arbeit auch „Herzblut“, da ist eine Absage immer schade, und man fragt sich, ob und an welcher Stelle Fehler passiert sind.

Was haben Sie mit der VHS Hilden-Haan in Zukunft noch vor?

Kurth Unsere Teilnehmer dürfen sich im nächsten Semester auf ein vollständig überarbeitetes Jahresthema freuen. Die Realität(en)-Veranstaltungen sind alle neu. Beispiele: Unsere Kulturell-kulinarische Stadtführung, die „kleine Weltreise durch Hilden“, unsere Literaturkurse über die Dystopie „Die Hochhausspringerin“, unsere große Multivisionsshow „Europas magische Orte“, „Fake-News“-Seminare in Verbindung mit Bildbearbeitungskursen und noch vieles mehr. Eine programmatische Baustelle sind unsere Firmenschulungen. Wir haben ein gutes, aktuelles Programm und sind bereit, auch auf individuelle Kundenwünsche einzugehen. Leider wird die VHS von den meisten Unternehmen noch nicht als Anbieterin wahrgenommen – da brauchen wir einen langen Atem.

Gibt es einen Kurs, den Sie unbedingt mal anbieten möchten?

Kurth In diesem Semester haben wir eine historische Exkursion in den Teutoburger Wald, den ich in meiner Zeit in Bielefeld kennen und lieben gelernt habe, leider absagen müssen. Die Gegend ist nicht weit entfernt, aber sehr schön und historisch interessant. Das Thema werde ich sicher in veränderter Form nochmal in Angriff nehmen.

Besuchen Sie eigentlich selbst auch Kurse der VHS?

Kurth Da ich mich selbst für Politik interessiere, bin ich öfters Gast bei Vorträgen, vor allem Außen- und internationale Politik interessieren mich. Vor meinem beruflichen Einstieg in die VHS war ich unregelmäßig Teilnehmer, meist im Fachbereich Berufliche Bildung. Mein erster VHS-Kurs war „Word 97“.

Ihr Programm besteht jedes Jahr aus hunderten Angeboten – wie suchen Sie diese aus?

Kurth Ein Teil der Veranstaltungen besteht aus Kursen, die so oder so ähnlich bereits im Programm waren. Ein weiterer Teil wird durch unser festes Team geplant und wir suchen dann Referent/innen für das jeweilige Thema. Aber wenn jemand gern als Honorarkraft tätig werden möchte, nehmen wir Initiativbewerbungen gern entgegen, das passiert auch regelmäßig. Es reicht eine Mail mit dem möglichen Kursthema an info@vhs-hilden-haan.de. Die Abteilungsleitung tritt dann mit ihnen in Kontakt und wir schauen, ob das Angebot zur VHS passt. Für Teilnehmer, die nicht selbst tätig werden möchten, sich aber ein Angebot wünschen, gibt es in unserem Programmheft eine Seite mit der Möglichkeit, Ideen, Wünsche und Anregungen aufzuschreiben und diese an uns zu schicken oder in einer Geschäftsstelle abzugeben. Schließlich kann seit diesem Jahr auch jeder, der möchte, im Rahmen unserer Jahresveranstaltung mit den programmplanenden Abteilungsleitungen direkt und persönlich in Kontakt treten. Den Termin der Jahresveranstaltung für 2020 geben wir rechtzeitig bekannt, sie wird aber zum Ende der Sommerferien stattfinden.

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