Der Hildener Raphael Simson sammelt Geld für Therapie in Australien

Crowdfunding : Raphael möchte wieder laufen können

Nach einem Badeunfall im Elbsee ist Raphael Simson querschnittsgelähmt. Der heute 31-jährige Hildener sammelt jetzt Geld für eine Therapie, die es bislang nur in Australien gibt. Durch sie erhofft er sich mehr Mobilität.

Das erste Mal geht es noch gut. Das zweite Mal verändert Raphael Simsons Leben für immer. Dabei hat der 6. Juni 2007 so schön begonnen: 25 Grad, die Sonne scheint, das Wasser im Elbsee hat eine angenehme Temperatur, Raphael hat seine Abiturprüfungen hinter sich. Mit einem Bekannten trifft er sich am Ufer des Sees. Er springt ins kühle Nass. Beim ersten Mal geht alles glatt, beim zweiten Mal kommt er mit dem Kopf auf – seine Wirbelsäule bricht zwischen dem vierten und fünften Wirbel. Er treibt unter Wasser, sein Körper reagiert nicht mehr. „Ich bin in Richtung Grund gesunken“, erinnert er sich. Bewegen kann er sich nicht mehr.

Sein Bekannter reagiert sofort, zieht ihn aus dem Wasser und alarmiert die Rettungskräfte. Kurze Zeit später treffen auch Raphaels Eltern am Unfallort ein. Seine Mutter begleitet ihn im Rettungswagen, doch dann verliert er die Erinnerung. In der Uniklinik Düsseldorf wird er neun Stunden lang operiert. Als er nach der OP wieder wach wird und sich immer noch nicht bewegen kann, wird ihm die Tragweite seiner Verletzung klar.

Statt aufzugeben beschließt Raphael in diesem Moment zu kämpfen. „Ich habe gedacht, dass ich mit viel Training wieder auf die Beine komme.“ Neun Monate bleibt er in der berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Duisburg zur Reha. „Man fängt wieder bei null an“, erklärt er. Vor seinem Unfall hatte der durchtrainierte Kanusportler 80 Kilo gewogen. Eine Woche danach nur noch 68 Kilo. „Solch eine Verletzung ist der Super-Gau für den Körper, hat mir ein Arzt gesagt.“ So habe es einige Tage gedauert, bis er seinen Kreislauf so weit stabilisieren konnte, dass er wieder sitzen konnte, ohne das Bewusstsein zu verlieren. Raphael schlägt sich im weiteren Verlauf mit gefährlichen Druckstellen und Lungenentzündungen herum.

Während der Reha in Duisburg bauen seine Eltern die Wohnung im Erdgeschoss ihres Hauses in der Hildener Innenstadt barrierefrei um. Raphaels Mutter gibt ihren Job auf, um sich 24 Stunden um ihren Sohn zu kümmern. Ein gewisser Alltag setzt ein, Raphael beginnt ein Fernstudium – Psychologie. Er schafft den Bachelor, studiert jetzt Mathe. „Ich bin allerdings mit allem sehr langsam. Ich kann beispielsweise nicht mitschreiben.“ Eigentlich wollte er 2007 nach Oberammergau, um dort in einer Jugendherberge seinen Zivildienst zu leisten. Die Stelle hatte er schon, aber dann kam der Unfall dazwischen.

Raphael ist von der Brust ab gelähmt, hat dort auch kein Gefühl mehr, sitzt im Rollstuhl. Seine Hände kann er nicht richtig bewegen. „Ich brauche bei allem Hilfe“, sagt er. Vor einigen Monaten wurde Raphael eine 24-Stunden-Betreuung bewilligt. Seine Betreuer und er haben einen guten Draht zueinander, lachen viel und gerne. Raphael trainiert mehrere Stunden täglich. „Leider haben sich bisher keine größeren Erfolge eingestellt“, erklärt er.

Vor einigen Monaten ist der Hildener auf eine neue Form der Therapie aufmerksam geworden. Sie nennt sich „Neurophysics“ (www.neurophysicstherapy.global) und wird momentan ausschließlich in Australien angeboten. „Während die Physiotherapie in Deutschland eher darauf bedacht ist, den Zustand auf einem vernünftigen Level zu halten, ist das Ziel von Neurophysics eine Funktionsverbesserung“, sagt Raphael. Er erhofft sich durch die Therapie mehr Mobilität im Alltag. „Ich glaube, dass diese Hoffnung nicht unbegründet ist, da schon einige Menschen durch diese Methode genau das geschafft haben.“

Seine Mutter ist selbst Physiotherapeutin. „Als ich die neue Therapieform entdeckt habe, habe ich sie um ihre Meinung dazu gebeten“, sagt Raphael. Bei Neurophysics nutzen die Therapeuten Spastiken, um sie gezielt einzusetzen und sie funktionell zu nutzen, erklärt Raphael. Einfach gesagt: Die Energie der erhöhten Muskelspannung kann genutzt werden, um beispielsweise die Beine zu bewegen. Seine Mutter war von der Idee angetan.

Die Therapie in Australien ist aber teuer. „Sechs bis acht Wochen kosten rund 16.000 Euro“, sagt Raphael. Um dieses Geld zusammen zu bekommen, hat er einen Spendenaufruf bei einer Internetplattform gestartet. Bislang haben auf www.gofundme.com/raphael-gegen-goliath schon mehr als 100 Menschen für ihn gespendet, rund 9000 Euro sind auf diese Weise zusammengekommen. „Ich freue mich wahnsinnig, dass so viele bereit sind, Geld zu spenden“, sagt Raphael. Darunter sind viele Unbekannte, aber auch Freunde, Paddelkollegen und ehemalige Mitschüler. So hat sein Abi-Jahrgang vom Bonni zusammengeworfen und 476 Euro überwiesen. „Ich bin schon mit dem australischen Institut in Kontakt und suche passende Termine für kommendes Jahr“, erklärt der Hildener.

Noch aber fehlen 7000 Euro für die Therapie (die Reisekosten übernehmen die Eltern). „Wenn ich mit meinem Studium fertig bin, möchte ich ganz normal arbeiten“, sagt er. Am besten von zu Hause aus. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, Australien wäre der nächste Schritt. „Meine Mutter kommt mit und schaut sich die Therapie genau an“, sagt er. Dann kann sie mit ihm in Deutschland weiter trainieren.

An seinen Schicksalstag, den 6. Juni 2007, denkt Raphael Simson noch oft zurück. Die Bilder von seinem Unfall und die Hilflosigkeit unter Wasser rufen aber keine Panik mehr hervor. „Ich bin froh, dass ich noch lebe“, sagt er.