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Der ehemalige Lehrer Walther Enßlin aus Hilden ist kritisch und unbequem

Walther Enßlin aus Hilden : Kritisch und unbequem

Was macht eigentlich Walther Enßlin? Aus dem promovierten Chemiker und Helmholtz-Lehrer wurde ein öffentlicher Umwelt-Gärtner, der weiter kritisch fragt und forscht.

Walther Enßlin kommt mit dem Fahrrad, um nach seinem Wildgarten am Fritz-Gressard-Platz zu schauen. Die Itter fließt in ihrem Bett an dem kleinen von Enßlin betreuten Biotop vorbei. Auf rund 150 Quadratmetern wachsen hier wild durcheinander Blumen, Kräuter, Sträucher. Bienenhäuschen und ein provisorischer Zaun ergänzen das Pflanzen-Ensemble mitten in der Stadt.

Seit sechs Jahren fühlt sich der ehemalige Chemie-Lehrer des Helmholtz-Gymnasiums für diese abschüssige Wiese verantwortlich. „Damals haben meine Lebensgefährtin (Ulrike heißt sie) und ich unseren Weihnachtsbaum hier eingepflanzt.“ Alles andere ergab sich, nachdem er die wuchernden Herkulesstauden gerodet hatte. Die Stadt ist Partner. Eigentümer des wild-wachsenden Geländes am Hang zum Fluss ist der Bergisch-Rheinische-Wasserverbund. „Es ist eine Wiedergutmachung für andere Umweltsünden“, meint Enßlin. Besucher werden per Schild vor dem Betreten ausdrücklich gewarnt.

Dass ausgerechnet ein promovierter Chemiker zum öffentlichen Gärtner wurde, der täglich zwei Stunden nach dem Grünen schaut, hat viel mit der Persönlichkeit des Walther Enßlin zu tun. Von 1979 bis 2006 war der Energie geladene Mann mit den hellwachen blauen Augen Lehrer für Chemie, Biologie/Chemie, Physik, und Informatik am Helmholtz-Gymnasium in Hilden. Weit über seine offizielle Berufszeit hinaus ist er auch für seine Initiative „AlmöHi“, Alternative Lernmöglichkeiten in Hilden, bekannt. Dieser ehrenamtlichen Arbeit, die er schon 2004 begann, nämlich mit interessierten Schülerinnen und Schülern auch außerhalb der Schulzeit zu forschen, geht er auch heute noch nach. „Chemie ist viel vielfältiger als viele denken. Fast jeden Tag gibt es neue Erkenntnisse.“

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Zwischen 1982 bis 2008 hat er zusammen mit seiner Schülerarbeitsgemeinschaft über 50 „Jugend forscht“- und andere Preise eingeheimst. Besonders stolz ist er auf den Bundes-Preis „Jugend forscht“ 2001. Im Gespräch mit dem mittlerweile 78-jährigen fällt immer wieder auf, wie engagiert und kritisch er seine Umwelt wahrnimmt. Er spricht von Pestiziden mit für Laien unaussprechlichen Namen, die in nächster Nähe im Grundwasser versickern. Und einer Gesetzeslage, die dem keinen Einhalt gebiete. Da kann dem Laien nur schlecht werden.

Der umtriebige Diplom-Chemiker hat auch nach seiner Pensionierung 2006 weiter gearbeitet – und zwar in der freien Wirtschaft. Für eine hiesige Firma (Planreal) hat er neue Methoden der biologischen Bodensanierung entwickelt. Er hat für Villeroy und Boche in Mettlach und für die Firma Albis in Hamburg an der Entwicklung für wärmeisolierende Fliesen und phosphoreszierende Kunststoffe gearbeitet.

Auf alle Fälle macht es dem 78-Jährigen offensichtlich Spaß, so mitten im Leben zu stehen. Privates verrät er auch: Er ist tatsächlich über Ecken mit der als RAF-Terroristin bekannt gewordenen Gudrun Enßlin verwandt. Er hat aus erster Ehe zwei Söhne: „Der ältere ist Physiker und arbeitet am Max-Planck-Institut in München.“ Dessen kluge Tochter studiert übrigens Physik im vierten Semester. Wen wundert’s? Der zweite Sohn ist Grafik-Designer in Düsseldorf. Die noch kleinen Enkel-Kinder sieht Enßlin daher öfter. Überhaupt liegen dem mittlerweile weißhaarigen Lehrer Kinder am Herzen.

Schon seit zehn Jahren lädt er in Zusammenarbeit mit dem Wilhelm-Fabry-Museum zu einem Ferienprogramm der besonderen Art ein. Mord und Chemie bilden dabei die Eckdaten. Diesmal konnten neun Kinder an seinem einwöchigen, spannenden Ferien-Unterricht teilhaben. Darüber hinaus bietet Enßlin bei der VHS „Kinderwissenschaft“ an. Es muss über diesen Mann auch noch berichtet werden, dass er sich leidenschaftlich für die Umwelt einsetzt: „Die Gletscher schmelzen immer schneller. Und das Schmelzwasser enthält hochgiftige Mengen an Quecksilber, das auch aus unseren Braunkohlekraftwerken stammt.“ Enßlin hat ein Verfahren entwickelt, um das Quecksilber aus dem Schmelzwasser zu filtern.

Ein „Maskenspray“ für den äußeren Gebrauch, das auch bei der Raumluftreinigung zum Beispiel in Schulen bei der Viren-Vernichtung helfen könnte, hat er ebenfalls entwickelt. Leider habe der Rat der Stadt diese Form von Luftreinigung abgelehnt, obwohl rechtlich nichts dagegen spräche. Spätestens wenn sein Spray zu einem seiner vielen Patente erhoben wird, wird man wieder von ihm hören.