Das Alter fühlen und verstehen

Hilden : Das Alter fühlen und besser verstehen

Wie ist es, vor Zittern die Tasse nicht mehr halten zu können? Das, was für alte Menschen häufig Alltag ist, kann nun durch das Tragen eines Alterssimualtionsanzuges auch von Jüngeren nachempfunden werden.

Irritiert schaut Sönke Eichner den RP-Fotografen an: „Was soll ich machen? Was wollen Sie?“, scheinen die Augen des Sozialdezernenten zu fragen, zusätzlich zuckt er mit den Schultern.

Stephan Köhlen fasst sich kurz an die Stirn. Natürlich, er hat ganz vergessen: Eichner kann ihn ja gar nicht verstehen, er trägt diesen speziellen Hörschutz, der das schlechte Gehör eines alten Menschen simuliert. Und nicht nur das: die Brille, die der Dezernent da auf der Nase trägt, ist nicht seine eigene Lesebrille, die ihm dabei im Alltag hilft in Verträgen das Kleingedruckte zu erkennen, sondern eine Spezialbrille, die altersbedingte Augenkrankheiten vortäuscht.

„Sie tragen die Brille, die den grauen Star imitiert“, lässt Andreas Wylenzek vom Sanitätshaus Vital den Beigeordneten wissen, „wie empfinden Sie das Sehen?“ Sönke Eichner versucht angestrengt, sich ein wenig im Raum umzusehen, muss dazu immer den gesamten Körper mitbewegen – eine Art Halskrause hindert ihn an der freien Kopfdrehung. „Es ist, als würde ich durch dickes Milchglas schauen.“ Dann bewegt sich der 48-Jährige einige Schritte vorwärts, es wirkt ein wenig roboterhaft: überall an dem „Blaumann“, den er für das Altersexperiment über Hose und Jacket gezogen hat, sind Gewichte befestigt, Knieorthesen. Hohe, an Skischuhe erinnernde Stiefel, sorgen für eine gewisse Beinsteifheit.

„Bereits vor Jahren, als ich mit der diakonischen Arbeit begonnen habe, habe ich mich viel mit der Situation alter und kranker Menschen befasst, mir Gedanken über die Hürden gemacht, die ihnen das hohe Lebensalter aufbürgt, Hürden, die uns Jüngeren verborgen blieben“, erklärt Pfarrer Markus Eisele vom theologischen Vorstand der Graf-Recke-Stiftung. Sie hat gemeinsam mit den Orthopädietechnikern des Sanitätshauses Vital den Alterssimulationsanzug „AleX“ entwickelt. „Für das empathische Empfinden ist es notwendig, dass wir uns in das Fühlen und Erleben dieser Altersgruppe hineinversetzen und so eine ganz andere Toleranz entwickeln zu können.“

Sönke Eichner bewegt sich unsicher durch den großen Raum im Sanitätsgeschäft. Ein paar Übungen sollen ihm zeigen, wie Situationen, die für uns normal und problemlos zu bewältigen sind, zur großen Tortur für den gebrechlichen Menschen werden können.

„Holen Sie mir doch mal einen Cappuccino an dem Automaten dort vorne“, bittet eine Vitalmitarbeiterin. Für den Sozialdezernenten wird es nun schwierig: Er kann die Beschriftungen der einzelnen Kaffeesorten nicht lesen, und wo genau die Tasse hingestellt werden soll, kann er auch nicht richtg erkennen. Spezielle Handschuhe sorgen dafür, dass er leicht zittert, eine ganze Menge geht daneben.

Dann soll Eichner 1,80 Euro als  Kleingeld aus einem Portemonnaie fischen, auch das ist eine kaum zu bewältigende Aufgabe. „Wir kennen das doch alle, dass wir an der Supermarktkasse stehen und uns eine solche Situation nervt“, erläutert Markus Eisele, „wenn man aber in diesem Selbsttest erlebt, wie das wirklich ist, dann wird man wesentlich toleranter.“

Ganz besonders sinnvoll halten die Entwickler den Spezialanzug „AleX“ für den Einsatz in Facheinrichtungen, wie Altenheimen oder Krankenhäusern. „Stellen Sie sich vor, Sie stellen einem halbseitig gelähmten Patienten das Essen einfach auf den Tisch, und er kommt da nicht dran. Dann wird er nach der Schwester klingeln“, weiß der Geschäftsbereichsleiter der Graf-Recke-Stiftung für Wohnen und Pflege, Joachim Kühn: „Dann möchte der Patient an sein Wasserglas und klingelt wieder. Das Ende ist, dass die Fachkraft sauer wird. Aber das wäre alles nicht nötig gewesen, wenn sie gewusst hätte, wie sich diese Einschränkungen anfühlen und auswirken.“

Zwar gibt es bereits seit längerem solche Simulationsanzüge, die aber nur für teure Tagessätze um die 1000 Euro an Einrichtungen verliehen werden, die Leihgebühr für AleX liegt bei 220 Euro. Bislang wird er vor allem im Ausbildungszentrum für Physiotherapie der Uniklinik Düsseldorf eingesetzt und ständig in seinen Simulationsmöglichkeiten verbessert.

„Also gut fühlt sich das wirklich nicht an“, resümiert Sönke Eichner und zieht sichtbar erleichtert den Anzug wieder aus, „aber es macht einem auch sehr deutlich wie wichtig es ist, sich schon jetzt fit zu halten, damit es später nicht ganz so extrem wird.“

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