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Corona im Kreis Mettmann: Mediziner spricht von dritter Welle

Steigende Corona-Fälle im Kreis Mettmann : „Mein Bauchgefühl sagt, das ist schon die dritte Welle“

Die Sieben-Tage-Inzidenz im Kreis Mettmann ist auf mehr als 20 gestiegen. Gesundheitsamtsleiter Rudolf Lange warnt vor laxem Umgang mit den Corona-Hygieneregeln und vor dem Besuch von Großveranstaltungen sowie Familienfeiern.

„Die Gefahr ist nicht vorbei, das Risiko noch allgegenwärtig“ – der Leiter des für Hilden und Haan zuständigen Mettmanner Kreisgesundheitsamtes Rudolf Lange warnt eindringlich davor, die aktuelle Corona-Situation zu unterschätzen, auch wenn die Lockerungen den Anschein erwecken könnten, das Schlimmste sei überwunden. „Der Drang zur Normalität ist menschlich nachvollziehbar“, sagt er. Aber eben auch gefährlich, wie die Zahlen zeigen. Ein Überblick über drängende Fragen.

Warum gibt es momentan so viele Fälle? „Wir testen mehr, also finden wir auch mehr“, erklärt der promovierte Mediziner und nennt ein Beispiel: „Wenn ein Urlauber zehn Tage nach seiner Rückkehr Symptome zeigt, testen wir viel intensiver das Umfeld.“ Die Mitarbeiter finden dabei auch symptomfreie Menschen, die das Virus in sich tragen. Wird in einer Familie, die in einem Haushalt lebt, bei einer Person das Virus nachgewiesen, sind oft auch alle anderen Familienmitglieder infiziert. Teilweise ohne Fieber oder Halsschmerzen. „Testen wir in einem Umfeld ohne konkreten Corona-Fall, bleiben die Treffer jedoch aus.“

Wo infizieren sich die Menschen? Das Infektionsgeschehen verlagert sich von den Reiserückkehrern hin zu Besuchern von Familienfesten. „Taufen, Hochzeiten, Geburtstage“, zählt Lange auf. „Man freut sich, sich zu sehen, umarmt sich, gibt der Braut einen Kuss.“ In vielen Fällen handele es sich um ein lebensbestimmendes Fest, man möchte das Brautpaar dabei begleiten – „da verdrängt man schnell die leicht erhöhte Temperatur und das Hüsteln die Woche zuvor“, sagt er. Und genau darin liegt das Problem. Auch wenn es schwerfällt: „Ich rate allen, Versammlungen zu vermeiden. Dazu gehören auch Familienfeste“, erklärt Lange.

Wie sieht es an Schulen aus? Die Entwicklung in den Schulen und Kitas beobachtet Lange kritisch: „Wir empfehlen ausdrücklich, in der weiterführenden Schule den Mund-Nasen-Schutz freiwillig zu tragen, die Kitagruppen zu trennen und auch in Grundschulen die Unterrichtsgruppen zu separieren“, erklärt er. Auf diese Weise könnten im Ernstfall einzelne Gruppen oder sogar Einzelpersonen isoliert werden – und es müssten nicht ganze Jahrgänge in Quarantäne geschickt werden. So kann der Betrieb für den Rest der Kinder und Jugendlichen aufrecht erhalten werden.

Befinden wir uns in der zweiten Welle? „Mein Bauchgefühl sagt, das ist schon die dritte Welle“, sagt Rudolf Lange. Die erste, sehr lange gab es Anfang des Jahres, die zweite Welle haben Reiserückkehrer verursacht.

Was passiert, wenn die Inzidenz den Wert 35 oder gar 50 überschreitet? „Die Marken sind wichtig, aber dahinter verbirgt sich kein Automatismus“, erklärt Rudolf Lange. Vielmehr müsse man die Situation individuell betrachten, bevor man Konsequenzen beschließt. „Bei einer Hochzeitsfeier mit mehreren Hundert Besuchern können sich schnell 40 Menschen anstecken.“ Offenbar erlebt die Stadt Hamm gerade einen ähnlichen Fall. Die Ausgangslage ist dann eine ganz anderen, als wenn sich 40 Menschen unabhängig voneinander angesteckt haben. „Patentlösungen gibt es nicht, aber wir haben im Vergleich zum Anfang der Pandemie Erfahrungen sammeln können“, erklärt Lange.

Welche Vorkehrungen trifft das Gesundheitsamt für den Herbst? Für den Leiter des Kreisgesundheitsamtes stellt sich eine wichtige Frage: Wie sieht die Teststrategie aus? „Ich glaube, dass nicht mehr alle Lehrer und Erzieher regelmäßig getestet werden“, sagt er. Vielleicht werden die Testkapazitäten für Mitarbeiter in kritischen Bereichen wie Krankenhäusern und Altenheimen freigeschaufelt. Ob die Fieberambulanzen wieder geöffnet werden, entscheidet die Kassenärztliche Vereinigung, nicht das Gesundheitsamt. Doch dort war am Montag niemand zu erreichen.

Wie muss ich mich verhalten, um das Risiko zu minimieren? Großveranstaltungen meiden, weiterhin Abstand halten, Mund-Nase-Schutz tragen – das sind die drei Tipps, die der Gesundheitsamtsleiter gibt. „Je weniger Menschen, je mehr Abstand, desto besser“, sagt Rudolf Lange.