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Hilden: Blumenverkäuferin auf Zeit

Hilden : Blumenverkäuferin auf Zeit

"Der Marktflorist" Stefan Hosten hat mich für einen Mittwochmorgen als Verkäuferin engagiert. Pünktlich um acht Uhr bekomme ich eine blaue Schürze und erste Instruktionen verpasst: "Immer freundlich auf den Kunden zugehen und nach seinen Wünschen fragen?" Mein neuer Chef ist schon um halb vier aufgestanden, hat an der holländischen Grenze an der Blumenbörse frische Ware ersteigert. "Sonnenblumen und duftende Freilandrosen sind heute im Angebot", lerne ich. Daneben warten unzählige Schönheiten in Vasen und mehr als 200 verschiedene Topfpflanzen auf Käufer. Christine Pohl, meine erste Kundin, möchte Sellerie-Stauden und grünen Salat für den heimischen Garten. Fünf Pöttchen in den Pastikbeutel, macht 2,70 Euro. Habe ich auch das Wechselgeld richtig berechnet?

Die Köpfe schützen

Jetzt aufgepasst! Der Blumen-Fachmann erklärt, wie ich Sträuße einzuwickeln habe ("Schräg auf das Papier legen und die Köpfe schützen!"). Ganz nebenbei erfahre ich, dass schon seine Großeltern vor 45 Jahren Obst und Gemüse aus eigenem Anbau verkauften. Seit 20 Jahren bietet Stefan Hosten Selbstgezogenes vom heimischen Acker in Düsseldorf-Flehe an. Ich kann leider nicht länger lauschen, denn der Kunde ist König, und Nan Spiegel möchte überzeugt werden, dass "Nostalgie", die verführerisch duftenden Freilandrosen, genau das Richtige zum Geburtstag ihres Mannes sind. Sie kauft gleich zwei Bund. Nun muss ich damit an den gefährlich wirkenden Entdornungs-Apparat. "Ratsch!, Ratsch!", macht der auf meinen Fußtritt hin, und die Nostalgie am Stiel piekt nicht mehr. Meine Finger sind zum Glück auch noch dran, denn die Radmesser sind aus Hartgummi.

Ab zehn Uhr füllt sich der Markt. Eine Kundin entscheidet sich spontan für "Mein München", ein Bund gelb-roter Freilandrosen: "Da habe ich nämlich mal gelebt." Ihre schönen Erinnerungen kann ich zwar nicht einwickeln, aber das Tütchen mit Frischhaltepulver bekommt sie gratis dazu.

Bei den Topfpflanzen komme ich langsam auch ins Geschäft: Ein Ehepaar muss noch "dazwischen pflanzen". Ich empfehle Begonien, zumal die rot leuchten und Sonne vertragen. Außerdem sind fünf Töpfchen für zwei Euro ein Schnäppchen. "Ab 11.30 Uhr setze ich samstags die Preise schon mal runter", kommentiert mein Chef seine Verkaufspolitik. Manchmal zählt er bis zu 400 Kunden, die "Haupt-Kampf-Samstage" des Jahres seien immer vor Weihnachten, Ostern, und Pfingsten. "Letztes Mal gingen 6000 Pfingstrosen weg wie nichts."

Ich verkaufe als nächstes einen fertig gebundenen Biedermeierstrauß mit Manschette und bin ganz froh, dass ich im Sonnenschein auf dem Nove-Mesto-Platz nicht ganz so viel Stress habe. Da bleibt noch Zeit, in Ruhe mit den älteren Herrschaften, die Kohlrabi, Brokkoli und Lollo Bionda im Miniformat kaufen, fachmännisch zu plaudern. "Die sollten sie mal in drei Wochen bei uns im Garten sehen!" verkünden beide stolz, weil mir das zarte Grün in den Plastikschalen wenig Hoffnung auf baldigen Essgenuss macht.

Rosenkavalier

So ein Markt ist ein kommunikativer Ort: Meinen Nachbarn treffe ich plötzlich als Rosenkavalier am Stand und erfahre, dass er Stammkunde ist. Und die Inhaberin meines Stammblumenladens kommt mit einem Korb voll Gemüse um die Ecke und fragt erstaunt, was ich denn plötzlich in ihrem Gewerbe treibe. "Keine Konkurrenz!", kann ich ihr lachend versichern. Dabei hat Stefan Hosten angeboten, dass ich jederzeit wieder bei ihm aushelfen dürfe. Als Blumenverkäuferin würde ich netto 8,50 Euro pro Stunde verdienen. Für meinen freiwilligen Einsatz bekomme ich einen Stamm blauen Enzians geschenkt. Der kriegt natürlich einen Ehrenplatz an der Sonne.

(RP)