Auch in Hilden gibt es im Dritten Reich Widerstand gegen die Nazis

Serie Zweiter Weltkrieg : Widerstand gegen Hitlers Diktatur

Vor 1934 treffen sich im Volkshaus an der Benrather Straße 20 Hildens Oppositionelle. Danach verlagert sich der Widerstand in die Wälder – und in die Köpfe.

Der Widerstand gegen die Nationalsozialisten ist in Hilden am Anfang noch laut, wird aber mit der Zeit leiser. Doch er verstummt nie. Bis Ende des Krieges stehen Hildener gegen die Nazis auf, widersetzen sich Anweisungen, verstecken verbotene Bücher, produzieren Flugblätter, setzten sich an der Front von der Truppe ab. Einige bezahlen ihre Haltung mit dem Tod, andere leben nach dem Krieg jahrzehntelang mit den Narben von lebensgefährlichen Verletzungen. Wieder andere werden nie entdeckt oder sprechen nicht über ihre Taten.

Kurz nach der Machtübergabe an die Nazis im Januar 1933 kommt es in Hilden bereits zu Kämpfen zwischen NSDAP-Anhängern und Kommunisten. Das Gebäude an der Benrather Straße 20 heißt zu diesem Zeitpunkt noch Volkshaus und dient KPD- und SPD-Anhängern als Treffpunkt. So auch am 19. Februar 1933. Die politische Opposition der NSDAP sowie mehrere Arbeiterorganisationen ziehen durch Hilden und demonstrieren gegen die neuen Machthaber. Abends stürmt die SA das Volkshaus.

Und Arbeitersamariter Günter Scheib soll die Verletzten behandeln. Der Vater des gleichnamigen Alt-Bürgermeisters wird zum Volkshaus gerufen. „An der Ecke Mittel- und Benrather Straße stürzten sich der NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinrich Thiele, der SS-Mann de Werth und ein weiterer auf mich zu“, erinnert sich der ehemalige KPD-Anhänger 1978. Die Nazis schießen auf ihn, er überlebt schwer verletzt. Steckschuss in der Niere. „Die Kugel hat mein Vater noch lange Jahre in seinem Portemonnaie bei sich getragen“, erinnert sich Alt-Bürgermeister Günter Scheib. Als Mahnung.

Carl Kirschbaum. Foto: Stadtarchiv Hilden

Wenige Tage später, kurz nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933, verhaften die Nazis Arbeiterfunktionäre und kommunistische Stadtverordnete. Eine weitere Verhaftungswelle erfolgt am 7. Juli 1933. Die Nazis misshandeln die festgenommenen Kommunisten in der Polizeiwache, Hermann Clemens stirbt an den Verletzungen. Die SA-Männer behaupten später, er sei „auf der Flucht erschossen“ worden. Die Nazis nehmen in dieser Nacht auch Wilhelm Johann Weiler und Johann Kirschall fest, foltern sie in der Koburg im Neandertal. Nach der Freilassung bringen sich beide um. Der Arbeiter Wilhelm Schmitt wird am 8. September 1933 in der Koburg erschlagen.

Heinrich Strangmeier. Foto: Stadtarchiv Hilden

Auch Karl Hops wird misshandelt. Er landet im KZ Börgermoor im Emsland. Nach seiner Freilassung treibt er den Widerstand voran. Er trifft sich mit untergetauchten KPD-Genossen im Garather Wald, an einem Baggerloch in den Hülsen und im heutigen Heidebad. Die Teilnehmer begegnen sich scheinbar zufällig bei ihrem sonntäglichen Spaziergang. Sie bilden während des Krieges die illegale Ortsgruppe der KPD, die nie entdeckt wird.

Mathias Ludwig Schroeder. Foto: Stadtarchiv Hilden

Sie stellen Flugblätter her, in denen sie  beispielsweise einen Justizmord an drei Gerresheimer KPD-Mitgliedern anprangern. Und sie verteilen die illegale Zeitung „Freiheit“. Die Matrizen dazu stellen sie bei einem Sympathisanten her, bei einem parteilosen Arbeiter im Pungshaus nutzen sie die Schreibmaschine. Ihre eigenen Wohnungen und Häuser bleiben somit unverdächtig und bieten den Nationalsozialisten keinen Grund für eine Festnahme.

Robert Gies. Foto: Stadtarchiv Hilden

Unverdächtige Hildener Wirte und Geschäftsleute unterstützen den Widerstand nicht nur mit Geld, sie kaufen auch Material für die Flugblätter ein. Trotz eines dichten Netzwerkes aus Gestapo und Spitzeln bleiben sie unentdeckt.

Karl Hops. Foto: Stadtarchiv Hilden

Widerstand auf andere Weise leistet Heinrich Strangmeier. Als 1933 Bücher verbrannt werden sollen, fingiert der damalige Leiter der Bücherei einen Verkauf der betroffenen Schriften. Er zahlt das Geld aus eigener Tasche und versteckt die Bücher. Um keinen Verdacht zu erwecken, tritt er mit Abscheu in die NSDAP ein. Sein jüdischer Vermieter rät ihm dazu, ebenso der spätere Bürgermeister Robert Gies. Mit Gies, Carl Kirschbaum und Mathias Ludwig Schroeder bildet Strangmeier zudem einen antifaschistischen Kreis. Als unauffälliger Treffpunkt dient die Stadtbücherei.

Günter Scheib. Foto: Stadtarchiv Hilden

Als in der Reichspogromnacht die Nazis mordend durch Hilden laufen, versteckt Strangmeier seine jüdischen Vermieter in seiner Wohnung, bis wieder Ruhe einkehrt. Jakob Schmitz und seine Frau emigrieren nach England. Strangmeier gibt aber auch zwei für die Nazis „untragbaren“ Antifaschisten Arbeit. Als er auf der Straße in Hilden ein hungriges Mädchen aus der Ukraine sieht, nimmt er sie auf. Nastja ist da gerade einmal 16 Jahre alt. Er nennt sie Tochter und versorgt sie mit allem Lebensnotwendigem. Und das, obwohl der Umgang mit Ostarbeitern streng verboten ist. Diesen Weg des zivilen Ungehorsams schlagen übrigens einige Hildener ein. Die „Fremdarbeiter“ werden bald von vielen „Freundarbeiter“ genannt und auch entsprechend behandelt.

Hildener lehnen sich aber nicht nur in ihrer Heimatstadt gegen die Nazis auf. Nachdem die KPD-Mitglieder 1933 wieder auf freiem Fuß sind, flüchtet Julius Kaupe mit einem Segelboot über den Rhein nach Holland, wo er weiter gegen die Nazis arbeitet. In Spanien kämpft er an der Seite der Franco-Gegner. Dort stirbt er. Seine Parteifreunde Paul Obermaier und Toni Grotmann emigrieren nach Frankreich und arbeiten dort in der Résistance. Ob noch weitere Hildener im Ausland gegen die Nazis gekämpft haben, ist nicht überliefert.

Sehr gut dokumentiert sind dagegen die Todesurteile gegen fahnenflüchtige Soldaten aus Hilden. Viele, teilweise zwangsverpflichtete Soldaten, haben vor allem in den letzten Kriegsmonaten keinen Sinn mehr in den Kämpfen gesehen und haben sich von der Truppe abgesetzt. Diesen verzweifelten Widerstand gegen die Befehle Hitlers gibt es aber auch schon vorher: Paul Krey lebt an der Ellerstraße 128, als der Einberufungsbescheid kommt. Erst nimmt er am Westfeldzug teil, ab 1. November 1940 am Ostfeldzug. Er soll entlaufene Pferde einfangen, kehrt von seinem Einsatz jedoch nicht zurück. Zwei Monate später finden ihn Wehrmachtssoldaten auf einem Bauernhof. Er habe ohne die Pferde nicht zurückkommen wollen, gibt er zu Protokoll. Er wird am 15. Mai 1942 wegen Fahnenflucht erschossen. Karl Harhoff, Hochdahler Straße 132, wird am 5. Juli 1944 wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt. Heinrich Himmler, Reichsführer SS, lehnt am 7. August ein Gnadengesuch ab. Am 12. August stirbt Karl Harhoff.

Karl Hops vom KPD-Widerstand überlebt das Kriegsende. Er gestaltet die Stadt aktiv mit, ist lange Jahre Vorsitzender des TuS, sitzt für die SPD im Sportausschuss, gründet mit seiner Frau Christine eine Stiftung für körperlich-behinderte Kinder in Kenia. Er stirbt 2009 mit 95 Jahren.

Heinrich Strangmeier verhindert in den letzten Kriegstagen gemeinsam mit weiteren Hildenern die Sprengung von Brücken und soll später Bürgermeister werden. Er lehnt das Angebot der Amerikaner aber mit Blick auf seine Gesundheit ab und übernimmt stattdessen das Beigeordneten-Amt.