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Am letzten Kriegstag in Hilden sterben 40 Menschen

Hilden : Am letzten Kriegstag sterben 40 Menschen

Vor 75 Jahren befreien die Amerikaner Hilden. Am 16. April 1945 sieht zunächst alles nach einer kampflosen Übergabe aus. In der Meide, der Elb und in den Hülsen aber stoßen die US-Truppen auf Widerstand. 40 Menschen sterben.

Um 13.06 Uhr erreichen die Amerikaner die Innenstadt. Kein Schuss ist an diesem wunderbar sonnigen Montagmorgen im April 1945 in Hilden bislang gefallen, doch das wird sich schon bald ändern. Am Ende des Tages sind 20 Wehrmachtssoldaten, 17 Hildener Kinder, Frauen und Männer sowie drei niederländische Zwangsarbeiter tot. Außerdem sterben vier Amerikaner, als ihr Panzer an der Ellerstraße abgeschossen wird – sinnlose Kämpfe mit sinnlosen Opfern. Aber es sind die letzten des Zweiten Weltkriegs auf Hildener Boden.

Der 16. April 1945 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der Stadt. Die Amerikaner befreien Hilden von den Nazis. Der Krieg ist vorbei. Die letzten Tage stellen die Bevölkerung aber noch einmal vor schier unlösbare Probleme, die viel Kraft kosten und am Ende doch irgendwie gelöst und überwunden werden können.

Seit Mitte März liegt Hilden unter Artillerie-Beschuss und Tiefflieger-Angriffen. Laut damaliger Berichte sterben von Januar bis März 28 Menschen durch die Angriffe, neun Häuser werden komplett zerstört, 800 weitere beschädigt. Die Gasversorgung ist unterbrochen, Kohle zum Heizen gibt es kaum noch. Der Hildener Markus Jäschke erinnert sich an Erzählungen seines Vaters, der mit seinem Bruder nachts auf die versenkten Schiffe im Rhein geschwommen ist, um dort Kohle zu organisieren. Lebensmittel werden zugeteilt. Bürgermeister Walter Schomburg beklagt am 26. März 1945 fehlende Särge. Immerhin gibt es zum Osterfest 0,75 Liter Schnaps für jeden Erwachsenen über 18 Jahre. Gauleiter Friedrich Karl Florian gibt am 29. März 1945 den Befehl, neben Städten wie Düsseldorf und Leverkusen auch Hilden zu räumen und dabei Bäckereien und Metzgereien zu sprengen, damit die Bevölkerung keine Grundversorgung mehr hat und fliehen muss. Zeitungsdruckereien täuschen technische Probleme vor, um den Befehl nicht zu drucken. Düsseldorfer Partei- und Verwaltungsstellen wirken auf Florian ein, der den Befehl zurückzieht. Das Gerücht aber wabert weiter durch Hilden.

Der Ruhrkessel schließt sich, die Lebensmittel reichen in Hilden nur noch für drei Wochen. Der Stadtwald wird plötzlich scharf bewacht, niemand hat mehr Zutritt. Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Generalfeldmarschall Walter Model hat dort sein Hauptquartier aufgeschlagen und kommandiert die verlorenen Wehrmachtseinheiten im Ruhrkessel. Model erschießt sich am 21. April bei Duisburg. Seine Heeresgruppe löst sich vorher auf.

Die Hildener schlafen schon lange in ihren Kellern. So auch am 16. April 1945. Als sie aufwachen, macht das Gerücht der heranrückenden Amerikaner die Runde. „Nun kommen sie, Gott sei Dank“, sagen viele. Bürgermeister Schomburg, der Bibliotheksleiter Heinrich Strangmeier und der Industrielle Walter Wiederhold hatten mit weiteren Hildenern schon einige Tage vorher beschlossen, die Brücken in Hilden nicht sprengen zu wollen. Den dazu verpflichteten Soldaten bieten sie Zivilkleidung und Arbeitspässe der Wiederhold-Werke an. Doch nun kommt die Nachricht, dass andere Soldaten Sprengstoff an die Pfeiler anbringen und zünden sollen. Einer von ihnen spricht zufällig Walter Wiederhold vor seinem Haus an der Düsseldorfer Straße an und fragt nach dem Weg zu den Eisenbahn- und Autobahnbrücken. Wiederhold verweist jedoch geschickt auf den Ortskommandanten, der im Rathaus an der Mittelstraße sitze. Dabei handelt es sich aber um einen Mitarbeiter Wiederholds, der den Ortskommandanten nur spielt und dabei dessen Uniform trägt. Doch bis dahin kommt der Soldat überhaupt nicht. Er wird an der Ecke Mittelstraße/Klotzstraße von den Amerikanern gefangen genommen. Die US-Truppen haben im Vorfeld Flugblätter über Hilden abgeworfen. „Wir fordern bedingungslose Übergabe“ steht in großen Buchstaben drauf. Die Amerikaner geben Soldaten wie Zivilpersonen Verhaltensmaßregeln an die Hand: „Geht in Eure Keller, hängt eine weiße Fahne heraus zum Zeichen, dass es nicht verteidigt wird. Wird das Haus von deutschen Soldaten verteidigt, wird es zerstört.“

Im Haus von Markus Jäschkes Großeltern leben bei Kriegende einige Flakhelfer. Als sie die amerikanischen Panzer auf sich zurollen sehen, wollen sie „aus dem Keller heraus mit dem Panzerschreck noch den Krieg gewinnen“, erzählt Jäschke. Sein Großvater habe ihnen Zivilkleidung gegeben, damit sie in Richtung Innenstadt fliehen können. In der Elb, in den Hülsen und in der Meide allerdings leisten Wehrmachtssoldaten noch verzweifelten Widerstand. Auf dem Grundstück der Familie Emmerich zwischen Gerresheimer und Verdistraße entlang der Beethovenstraße verschanzen sich neun deutsche Soldaten, wie Ernst Emmerich nach dem Krieg berichtet. Als der erste Panzerspähwagen der Amerikaner auftaucht, schießen die Deutschen aus allen Rohren. Zwei Stunden dauert das Gefecht, bis drei verbliebene Deutsche mit erhobenen Händen kapitulierten. Alle anderen sind bereits tot. Außerdem sterben auch einige Zivilpersonen bei diesem und weiteren sinnlosen Gefechten am letzten Kriegstag in Hilden. Bereits am 16. April übernehmen die Amerikaner die Flak-Kaserne. Einen Tag später bricht der Widerstand der Wehrmacht in Düsseldorf zusammen. Der Ruhrkessel ist befreit. Um 16 Uhr verstummen die amerikanischen Artillerie-Batterien, die von Hilden aus auf die heutige Landeshauptstadt gerichtet sind. Am 23. April entheben die Amerikaner Walter Schomburg des Amtes. NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinrich Thiele und Schomburg werden festgenommen. Die Hildener können aufatmen: Der Krieg und die Nazi-Diktatur sind vorbei.