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200 Jahre Graf-Recke-Stiftung wird auch in Hilden gefeiert

200 Jahre Graf-Recke-Stiftung wird auch in Hilden gefeiert : Selbstbestimmtes Leben statt Vollversorgung

21 Menschen mit verschieden ausgeprägten Behinderungen leben in einem Wohnhaus an der Hochdahler Straße in Hilden – und organisieren ihren Alltag mit Unterstützung selbst.

Ihr aktueller Lieblingsplatz, betont Anna-Sophia Gödde, sei das Wohnzimmer ihrer Dachgeschosswohnung. Wenn da in der warmen Jahreszeit die Sonne hineinscheine, habe sie ein „richtiges Sauna-Gefühl“, verrät die 35-Jährige verschmitzt. Im 2009 erbauten Wohnhaus in Trägerschaft der gemeinnützigen Graf-Recke-Stiftung an der Hochdahler Straße in Hilden gehört sie zu den Mietern der ersten Stunde. Das gilt auch für Anna Dupke, ebenfalls 35: „Mir gefällt es hier so gut, weil ich hier selbstständig leben kann“, erklärt sie – und liefert damit das entscheidende Stichwort: 21 Menschen mit Behinderungen leben in dem Wohnhaus. Einige unter ihnen – wie Anna-Sophia Gödde – bekommen in ihrem Alltag Unterstützung von einem ambulanten Pflegedienst. Andere – wie Anna Dupke – leben in der „besonderen Wohnform“ mit 24-stündiger Betreuung durch die Mitarbeiter.

Wobei der richtige Begriff wohl eher „Assistenz“ lautet. „Die greift überall dort, wo es wirklich eine Barriere gibt“, erklärt Reimund Weidinger, Geschäftsbereichsleiter Sozialpsychiatrie und Heilpädagogik bei der Stiftung. Denn das Bundesteilhabegesetz, dessen erste drei von vier Reformstufen zwischen 2017 und 2020 in Kraft traten, setze Selbstbestimmung anstelle der früheren Fürsorgepädagogik. Es gehe nicht mehr um Rund-um-Vollversorgung wie im klassischen Heim, sondern darum, die Rechte der Menschen zu stärken und ihnen die Möglichkeit zu bieten, schlicht ihr eigenes Leben zu führen und den eigenen Interessen nachzugehen.

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Dieser Gedanke ist an der Hochdahler Straße bereits verwirklicht. „Ich treffe mich gern mit Freunden, höre gern Musik und gehe auf Veranstaltungen“, erzählt Anna-Sophia Gödde, die tagsüber in einer Behindertenwerkstatt arbeitet. Besonders angetan hat es ihr Bauchredner Sascha Grammel. „Ich war schon bei zwei Auftritten von ihm im Publikum“, berichtet sie – und erklärt auch gleich, an welcher Stelle es noch Schwierigkeiten in der Umsetzung der Teilhabe gibt: Denn die Zeiten, zu denen ihr externer Pflegedienst sie versorgt, ließen sich nicht immer mit abendlichen Terminen für Veranstaltungen vereinbaren, die sie gerne besuchen würde. „Wir unterstützen sie darin, eine zeitlich flexible Versorgung zu bekommen“, erklärt Annette Methfessel, bei der Stiftung Bereichsleiterin Heilpädagogik im Sozialraum Hilden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Teilhabe ist es zweifellos, eigene Anliegen und die der Mitmenschen artikulieren und durchsetzen zu können – so wie Anna Dupke, die sich im Beirat des Wohnhauses engagiert. „Wenn die Bewohner Bedürfnisse haben, sprechen sie uns an“, erklärt sie. Dabei gehe es um Anschaffungen ebenso wie um Hindernisse im Alltag. Eines davon war zum Beispiel eine Sandkuhle auf dem Bürgersteig vor dem Haus, in der Rollstuhlfahrer immer wieder stecken blieben. Der Beirat informierte Bürgermeister Claus Pommer in einem Brief über das Problem – und es wurde gelöst.

Der Verein „Gemeinsam Leben Lernen“ hatte sich für den Bau des Hauses stark gemacht – um jungen Menschen, die vielfach bis dato im elterlichen Haushalt gelebt hatten, den Weg in die Selbstständigkeit zu ermöglichen – und fand in der Graf-Recke-Stiftung einen Partner und Träger. Mit seiner relativ kleinen Zahl an Wohneinheiten, in der sich das Ziel der Eigenständigkeit trotz Pflegebedarf besser verwirklichen lasse, sei das Wohnhaus im Jahr 2009 „fast ein Novum“ gewesen, erklärt Reimund Weidinger.

Der Trend gehe nun noch weiter zur „Ambulantisierung“ – also zur gemeinsamen Nutzung von Wohnhäusern durch Behinderte und Nichtbehinderte. Zugleich betont er, dass es zusätzlich zum reinen Wohnraum auch einen verbesserten Zugang behinderter Menschen zu Bildung und Sport brauche – ganz zu schweigen vom Wegfall der Berührungsängste in der Öffentlichkeit. Um auch Brücken zur Nachbarschaft zu schlagen, soll an der Hochdahler Straße in näherer Zukunft ein Gartencafé seine Türen öffnen. Für Anna-Sophia Gödde ist klar: „Hier will ich nie wieder weg.“