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Zweiter Prozess um Raubüberfall auf Rentner in Haan

Zweiter Prozess um Raubüberfall auf Rentner in Haan : Mutige Ehefrau sagt vor Gericht gegen ihren Mann aus

Am sechsten Verhandlungstag gegen den in einem zweiten Prozess Angeklagten sagte dessen Ehefrau aus. Ihr Mann war nach dem Überfall auf den Rentner am Hermann-Löns-Weg für Monate in den Libanon geflohen.

Sie hätte die Aussage verweigern können. Sie hätte auch die rosarote Brille aufsetzen können, um ihren nun wegen seiner Mittäterschaft beim Überfall auf den Pensionär vor Gericht angeklagten Ehemann in ein gutes Licht zu rücken. All das hat die 25-Jährige nicht getan und damit ihrem Mann gezeigt, wie es auch hätte laufen können im Sommer 2017, als der sich feige aus dem Staub gemacht hatte. Der 37-Jährige war Hals über Kopf in den Libanon geflohen, um erst Monate später wieder nach Haan zurückzukommen.

Warum er getürmt ist? Seiner Frau scheint er das anfangs gar nicht, und später nur in „kleinen Häppchen“ erzählt zu haben. Sie war derweil alleine geblieben mit dem gerade geborenen Sohn - verzweifelt und nicht wissend, was um sie herum geschah. Später soll ihr Mann sie auch noch geschlagen und gewürgt haben, sie hatte ihn wegen häuslicher Gewalt angezeigt.

Nun saß die junge Frau als Zeugin vor Gericht und ließ den Richter teilhaben an dem Kummer, der sie seit Jahren begleitet. Den eigenen Mann auf der Anklagebank zu sehen und seine dunkle Seite vor sich selbst nicht mehr leugnen zu können: Dazu braucht man Mut.

Er habe nie viel gesprochen, auch nicht über die Tat. Ihr sei damals aber aufgefallen, dass er sich verändert habe. Immer wieder habe sie ihn im Libanon angerufen und gefragt, was er getan habe und warum er nicht nach Hause kommen würde. Sie habe schon mit dem Wenigen nicht leben können, was sie damals von ihm gewusst habe.

Dann sei der jüngere Bruder ihres Mannes verhaftet worden, weil Mittäter im Prozessverlauf einen „Ali“ bezichtigt hatten, beim Überfall auf den Pensionär dabei gewesen zu sein. Wie er sowas einfach hinnehmen könne - wohlwissend, dass ein Unschuldiger verdächtigt werde: Das habe sie ihren Mann damals am Telefon gefragt. Der sei dann zurückgekommen - möglicherweise auch, weil sein ihm in den Libanon hinterhergereister Vater ihm ins Gewissen geredet hatte. Zwischenzeitlich hatte jemand auch einen anonymen Brief an die Polizei geschrieben, in dem zu lesen war, dass man tiefer graben müsse auf der Suche nach dem damals noch unbekannten Mittäter in einer in Haan ansässigen, libanesischen Großfamilie. Der Verfasser des Briefes begründete seine Anonymität so: „Sie kennen sich ja mit Clans aus. Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen.“

Auch die nun als Zeugin vernommene Ehefrau hatte der Polizei später erzählt, was sie über die Beteiligung ihres Mannes wusste. Viel sei das nicht gewesen, vor allem nichts Konkretes. Er habe ihr immer wieder andere Geschichten aufgetischt und sie habe die Puzzleteile einfach nicht zusammen bekommen. Mit dem, was ihr Mann vor Gericht jetzt gestanden habe, würden sich diese Teile schon eher zusammensetzen. Ob er noch im Haus war, als das Opfer dort über Stunden hinweg malträtiert wurde? Dass wisse sie nicht, und dieses Nichtwissen glaubt man ihr auch.

Immer wieder wischte sich die Zeugin ihre Tränen aus den Augen - sie habe sich mit dem Angeklagten ein normales Familienleben gewünscht, so wie sie es von ihren Eltern kenne. Nun sitzt sie auf dem Zeugenstuhl und schaut auf zerbrochene Träume. Dass sie dennoch zu ihrem Mann hält und ihm zeigt, wie es auch laufen kann? Das ist ein mutiger und von Reife zeugender Weg für eine 25-Jährige, die sich von einem mehr als zehn Jahre älteren Mann für sich selbst und ihren kleinen Sohn wohl etwas anderes erhofft hatte als das, was er ihr nun abverlangt. Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.