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Vor 70 Jahren: Bomben auf Gruiten in der Silvesternacht

Haan : Bomben auf Gruiten in der Silvesternacht

Der Haaner Geschichtsforscher Lothar Weller beschäftigt sich in seinem Gastbeitrag mit einem dunklen Kapitel in der Gruitener Geschichte. Zum Jahreswechsel 1944/45 wurde das Dorf schwer bombardiert.

Es waren nicht die ersten Bomben, die auf Gruitener Gebiet einschlugen. Aber der Bombenhagel, der in der Silvester-Neujahrs-Nacht 1944/45 niederging, richtete nicht nur die weitaus größten Schäden an, sondern löschte auch etliche Menschenleben aus. Dreißig Jahre später erinnerte eine kurze Zeitungsmeldung daran: „Bei den Gottesdiensten zum Jahreswechsel gedachten die Besucher eines 30 Jahre zurückliegenden Geschehens, das die Gemeinde hätte auslöschen können“, hieß es damals in der Rheinischen Post „220 Bomben fielen am Neujahrstag auf Gruitener Gebiet. Zehn Menschen kamen bei den Angriffen ums Leben, die dem Verschiebebahnhof Wuppertal-Vowinkel zugedacht waren, stellte sich später heraus.“

Vor etwa 40 bis 50 Jahren erschien das Buch einer Autorin, die durch Heirat nach Gruiten gekommenen war und bis kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs an der unteren Vohwinkeler Straße (zwischen Birschels und Zur Linden) wohnte und einen Betrieb führte. Es enthält ein umfangreiches Kapitel über ihre Gruitener Zeit und darin auch eine aus der Erinnerung verfasste Beschreibung der Ereignisse um den Jahreswechsel 1944/45. Hier einige Auszüge daraus:

„Uns alle beseelte die eine Hoffnung, dass 1945 diesen totalen Krieg beenden möge. Dieser totale Krieg aber begann für uns erst in der Nacht, in welcher eine geschundene Menschheit die Schwelle zwischen 1944 und 1945 überschritt, in der Silvesternacht. Seit dem frühen Morgen waren die feindlichen Geschwader fast ununter­brochen nach Osten und Nordosten eingeflogen und über uns hinweggebraust.

Ich ging am letzten Abend des Jahres 1944 noch vor die Tür und sah in den klaren Sternenhimmel. Es war sehr kalt, es war auch sehr still. Kein Scheinwerfer tastete den Him­mel ab, die Welt schien das neue Jahr in Frieden zu erwarten. Plötzlich flogen die Alliierten ein, mit gewaltigem Getöse!

Plötzlich tasteten Hunderte von Flakscheinwerfern den Himmel ab! Plötzlich hing eine Reihe „Christbäume” wie um unser Haus herum am Himmel! Die erste Bombe fiel sehr nahe! Ich raste ins Haus zurück und rief den Hasserts [Mitbewohner] zu, sofort in den Luft­schutzkeller zu rennen.

Als wir in den Keller kamen, wo eine kleine Kerze kümmerlich brannte, saßen die Kinder vergnügt in ihren Betten und fanden es einen Riesenspaß, dass wir sie alle besuchten. Das Haus über uns be­gann zu schwanken. Oft schien es, als bewege sich auch der Zementboden unter uns. Wir warfen alle Möbel aus dem Keller und legten uns auf den Boden, man konnte weder stehen noch sitzen.

Heulend kamen die schweren Bomben herunter ,Mund auf, Finger in die Ohren’, brüllte ich durch den Lärm. Ein Ein­schlag. Sehr nahe. Aber nicht auf das Haus. Das Bombardement nahm kein Ende. Fünfzig Minuten lagen wir auf dem Boden. Die Frauen betend. Die alten Männer mit geschlossenen Augen, als schliefen sie. Dann war es still. Wir quittierten mit einem Achsel­zucken, dass auch die letzten kleinen Fensterscheiben zersplittert am Boden lagen, dass einige Türen nur noch lose in den Angeln hingen und ähnliche kleine Details. Dass man jedoch durch das Dach den glitzernden Sternen­himmel sehen konnte, war beängstigend. Die Dachziegel waren nicht mehr vorhanden. Die Außentemperatur in jener Nacht war minus 14° Celsius. Vor mir lag ein Bild des Grauens! Büscher [ein alter Gruitener] war neben mich getreten und bemerkte schlicht: „Zur Linden“ brennt, Frau Doktor, da müssen wir beide sofort hin! Nix wie in die Gummistiefel und rüberlaufen! Das Verwalterehepaar ist sicher Silvester zu Hause geblieben, und das viele Vieh.“ Er war ganz atemlos vor Entsetzen.

 Der Nachbarhof in Richtung Vohwinkel mochte einen Kilometer entfernt sein, eher etwas mehr. Wie lange haben wir wohl bis dorthin gebraucht? Uns schienen es Stunden. Die Straße war von Bombentrichtern derart zer­stört, dass wir sie nicht benutzen konnten. Wir gingen, wir liefen querfeld­ein. Nur ganz oberflächlich nahmen wir andere Geschehnisse in uns auf: dass die Scheune vom Bauern Nix nicht mehr stand, dass ein Teil des nachbarlichen Waldes brannte. Noch eine Explosion, ein Zeitzünder! Wo mochten wohl noch andere liegen? „Zur Linden” ist eines jener um einen Innenhof gebauten Anwesen, deren Wohnhaus an der Straße liegt. An dieses reihen sich Scheunen und Ställe sowie Geräteschuppen im Quadrat an, nur den Raum für ein Hoftor aus­lassend. Das Tor stand offen.

Die brennenden Dachsparren sämtlicher Gebäude beleuchteten den großen Innenhof. Im Hoftore stehend, riefen wir nach dem Verwalter. Weiter eindringen konnten wir nicht, der Hitze wegen. Keine Antwort. Wir riefen zusammen, um unsere Stimmen zu ver­stärken. Nichts war zu hören als das gedämpfte Muhen aus dem Kuhstall. Dort, wo der Stolz des Bauern, der Zuchtstall gestanden hatte, war nur noch ein Haufen von Backsteinen und Dachziegeln zu sehen, die unter sich den gesamten Tierbestand begraben hatten.“

Weitere Zeitzeugenberichte stehen auf historisches-dorf-gruiten.de (dort „Folgen des Krieges“ anklicken!).