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Haan: Städtepartnerschaften sollen auf den Prüfstand gestellt werden

Haan : Städtepartnerschaften sollen auf den Prüfstand gestellt werden

Die Teilnehmer des "Rathausgesprächs" begannen gleich an Ort und Stelle mit einer kritischen Bestandsaufnahme zu den Haaner Beziehungen ins Ausland.

Sie sind dazu gedacht, dass sich Menschen aus verschiedenen Ländern gegenseitig kennenlernen, die Eigenheiten des anderen entdecken und Vorurteile abbauen. Städtepartnerschaften können der Völkerverständigung dienen — wenn beide Seiten ihren Teil dazu beitragen. Das "Rathausgespräch" von Europa-Union, Volkshochschule und Kulturamt offenbarte jetzt, dass es momentan beim Austausch mit Berwick-upon-Tweed, Eu, Dobrodzien und Bad Lauchstädt längst nicht mehr so rund läuft wie früher. Vor allem die Beziehungen ins englisch-schottische Grenzland sind nahezu eingeschlafen.

Der Referent des Abends, Wolfram Kuschke, war früher Europaminister des Landes Nordrhein-Westfalen und ist heute Vorsitzender des Landesverbandes der Europa-Union. Er erläuterte mit Zahlen und Fakten, wie vielseitig auch heute noch viele Städtepartnerschaften sind, dass sie von den Menschen aber auch gepflegt und schlimmstenfalls beendet werden müssten. "Neben dem Bundeskanzleramt und dem Außenministerium können sich auch Kommunen auf dem internationalen Parkett bewegen und quasi eine alternative Außenpolitik betreiben", betonte er.

Kuschke regte an, Städtepartnerschaften regelmäßig einer Bestandsaufnahme zu unterziehen. Damit begannen die Teilnehmer der Gesprächsrunde gleich vor Ort — und nahmen kein Blatt vor den Mund. Es war vielleicht kein Zufall, dass Heiner Fragemann von der VHS zum Einstieg die Frage in den Raum stellte, ob Städtepartnerschaften noch eine Berechtigung für die Zukunft haben oder ein Relikt vergangener Tage sind. Nach 20 Minuten offener Diskussion ließ sich folgendes Fazit ziehen: Der Haaner Männergesangverein ist derzeit offenbar die einzige Gruppe, die noch einen regelmäßigen Kontakt mit Berwick-upon-Tweed pflegt; der Austausch mit dem französischen Eu ist immerhin noch ziemlich rege; die Freundschaften zum polnischen Dobrodzien und zu Bad Lauchstädt in Sachsen-Anhalt plätschern mehr oder weniger vor sich hin.

Erst auf Nachfrage äußerte sich Hermann Käpernick, Vorsitzender des Haaner Männergesangvereins, zur Pflege der Städtepartnerschaften. "Aktuell sieht es schwierig aus. Wir haben nur zehn Mitglieder, finanziell ist wenig möglich, kaum jemand hat Zeit, und es ist kompliziert, Partner und Sponsoren zu finden", lautete die ernüchternde Bilanz von Käpernick. Mitte dieses Jahres will der Verein wieder aktiver werden — wie genau, das verriet der Vorsitzende nicht.

Deutlich wurde dagegen Kulturbeauftragte Sylvia Lantzen, die den städtischen Haushaltsansatz für die Pflege der Partnerschaften mit rund 3000 Euro bezifferte: "Ist eine kleine Delegation zu Besuch, geht fast das ganze Geld für die Hotelkosten drauf. Wenn mal Kinder zu Gast sind, bringt man besser Kakao von Zuhause mit, damit niemand durstig bleibt", stellte sie fest.

Fritz Köhler, Vorsitzender der Haaner Europa-Union und über Jahrzehnte bis 2011 als Kulturamtsleiter Motor der Partnerschaften, schüttelte nur noch den Kopf und sagte: "Der Rat der Stadt hat die Partnerschaften irgendwann einmal offiziell besiegelt. Die Stadt kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen, indem sie genau diese an einen Verein abtritt." Wenn man an den einst gesteckten Zielen festhalten und neue Begeisterung entfachen wolle, müssten neue Anreize geschaffen werden.

Kuschke fügte hinzu: "Partnerschaften gibt's nicht kostenlos, und freikaufen kann man sich von ihnen auch nicht." CDU-Ratsherr Gerd Holberg erteilte der Forderung nach mehr Geld für die Haaner Partnerschaften wegen der finanziellen Situation der Stadt eine klare Absage. Auch eine Bestandsaufnahme durch die Verwaltung lehnte er aus Kosten- und Zeitgründen ab. Spontan bot Köhler hierzu die Unterstützung durch die Europa-Union an.

Auseinander gingen die Meinungen darüber, ob die Schulen eigene Freundschaften zu Städten in anderen Ländern aufbauen oder die vorhandenen Städtepartnerschaften pflegen sollten. Kuschke erklärte: "Die Europaschule in Haan — das städtische Gymnasium — ist ein Pfund für die Zukunft." Vor dem Hintergrund des drohenden Fachkräftemangels sei es bald vermutlich überlebenswichtig für jede Stadt, wie sie von Zuwanderern wahrgenommen werde. "Wer dann dank funktionierender, lebendiger Partnerschaften als weltoffen dasteht", prognostizierte er, "hat einen großen Vorteil."

(doe)