Haan: SPD: "Das ist eine historische Zäsur"

Haan : SPD: "Das ist eine historische Zäsur"

17.59 Uhr und 56 Sekunden. Auf der Leinwand setzt die Übertragung für einen kurzen Augenblick lang aus – und damit wohl auch der Herzschlag von Jens Niklaus.

17.59 Uhr und 56 Sekunden. Auf der Leinwand setzt die Übertragung für einen kurzen Augenblick lang aus — und damit wohl auch der Herzschlag von Jens Niklaus.

Kurz vor Bekanntgabe der ersten Prognose zeigt der Beamer in der Hildener Geschäftsstelle der SPD nur noch ein Standbild des Internet-Fernsehens an. Um dann, kurze Zeit später, das schlechteste Wahlergebnis der Sozialdemokraten mit einem kurzen, roten Balken zu dokumentieren. 20,2 Prozent, das ist eine bittere Pille. Jens Niklaus braucht einige Zeit für seine Stellungnahme, hört sich für eine Weile noch die Fernsehübertragung an. Dann die niedergeschlagene Reaktion. "Das Erste, was ich jetzt sehe, ist natürlich enttäuschend."

Er habe durchaus erwartet, dass die SPD das Ergebnis von 2013 erreicht. Das waren damals 25,7 Prozent. Jetzt aber gibt es das schlechteste Wahlergebnis für die Sozialdemokraten seit Anbeginn der Bundesrepublik — und es ist kaum auszumachen, was den Anwesenden mehr weh tut: Das eigene Ergebnis oder der Umstand, dass die AfD einen zweistelligen Wert erzielt hat. "Erschreckend", kommentiert Jens Niklaus. "Schockierend" sein Sohn Joshua, der zeitweise sein Gesicht in die Hände legt. "Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so knapp ist", sagt der 17-Jährige.

Es gibt Bier, Würstchen und Kartoffelsalat. Doch nach Essen ist kaum jemandem zumute. Knapp ein Dutzend Gäste hat sich in der Geschäftsstelle eingefunden. Die meisten davon sind Jugendliche. Jusos, die Jens Niklaus bei seinem Wahlkampf geholfen haben. Sie hingen Plakate auf, verteilten Rosen "und haben sie vorher entdornt", erzählt Maximilian Twellmeyer. Allein 3000 waren es am letzten Wochenende. "Wir haben alles gegeben." Der blaue Balken der AfD, "das ist ein Schlag ins Gesicht für jeden, der sich für eine halbwegs tolerante Gesellschaft eingesetzt hat", sagt Twellmeyer.

Dass die SPD nun in die Opposition gehen will, "das finde ich auf jeden Fall besser", glaubt Lennart Schröder (17). "Weil es sonst keine vernünftige Opposition gibt." Und weil die SPD dann wieder ihr Profil schärfen kann. Auch andere denken so. "Eine weise Entscheidung", murmelt jemand. War Martin Schulz der beste Kandidat? "Ja, er war der Richtige. Und ich fände es gut, wenn er weiter Vorsitzender bliebe", sagt Twellmeyer.

Albert Herbertz hält sich währenddessen im Hintergrund. "Dat tut mir echt weh", sagt der 84-Jährige in breitem, rheinischen Platt. Sein Vater habe ihm einmal gesagt, "Jung', denk' dran, du bist ein Arbeiterjunge." Seit er wählen dürfe, stimme er daher für die SPD. "Aber so eine Klatsche, das habe ich noch nie erlebt."

Jens Niklaus stellt sich vor die Leinwand. "Das Ergebnis ist alles andere als befriedigend", sagt er in einer kurzen Ansprache. Und der Einzug der AfD in den Bundestag sei eine "historische Zäsur". Niklaus dankt seinen Helfern. Sie applaudieren ihm. Dann fährt er mit seiner Familie ins Kreishaus — die leise Hoffnung auf ein Direktmandat noch im Gepäck. Doch auch die wird sich schon bald zerschlagen.

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