Selbsttest in Haan - Ein Verzicht auf Kalk ist nur schwer möglich

Haan : Ein Verzicht auf Kalk ist nur schwer möglich

Kein Fleisch auf dem Teller, das Auto bleibt in der Garage und wem der ganze Stress zu viel wird, der klinkt sich einfach mal aus. Verzichten ist der Trend der Moderne.

Wer bei der zuweilen qualvollen Tierhaltung nicht mehr hinschauen möchte, greift zum Gemüse. Wer keinen Tag länger die Luft mit Abgasen „verpesten“ möchte, fährt mit dem Rad. Und wem das alles sowie schon längst zu viel geworden ist, der zieht für ein Sabbatical in die Thoreau´sche Waldenhütte. Es gibt für alles eine Lösung: Verzicht!

Aber gilt das wirklich überall? Also auch beim Kalk? Schaut man derzeit ins Osterholz am Haaner Stadtrand, so gibt es dort wütende Anwohner, die um ihre Lebensqualität fürchten und eine Aktivistenszene, die sich beim Kampf um Bäume mit Feldbetten in deren Wipfel hängt. Der Stein des Anstoßes: Die geplante Haldenerweiterung der Kalkwerke Oetelshofen, für die auf fünf Hektar Waldgebiet etliche Bäume gefällt werden müssten.

Geht es um mögliche Alternativen, wurden die Gegner bislang nicht wirklich konkret. Den Abraum auf Lastwagen laden und woanders abkippen. Auf der Schiene abtransportieren – wohin auch immer. Oder besser noch: Gleich ganz auf Kalk verzichten. „Der Kalkabbau ist nicht nachhaltig, zukünftigen Generationen wird dieser Rohstoff nicht mehr zur Verfügung stehen“, war dazu kürzlich in den sozialen Netzwerken zu lesen.

Nehmen wir den Schreiber doch mal beim Wort und denken darüber nach, wie es denn so wäre, das Leben ohne diesen angeblich verzichtbaren Rohstoff. Dass da bei Lhoist in Wülfrath deren Leiter der Abteilung „Politik- und Bürgerdialog“ Christian Zöller kürzlich noch sagte: „Leute, wir machen das mit dem Kalk nicht zum Spaß, sondern für Euch!“ – das vergessen wir jetzt mal ganz schnell. Der Mann kann ja viel erzählen, wenn der Tag lang ist. So eine Firma will aus Sicht ihrer Kritiker nur Geld scheffeln – und sonst nichts.

Wir jedenfalls sagen „Nein!“ zum Kalk – morgens im Bett liegend und in Gedanken darüber versunken, wie es denn so laufen könnte mit dem Verzicht. Das Bett? Ja, das gäbe es wohl noch. Das ist aus gutem Holz, mindestens ein Baum hat dafür sein Leben lassen müssen. Aber Kalk findet man darin nicht – und das ist gut so. Mit dem Dach über dem Kopf sähe es da schon schlechter aus und während der Regen an die Scheiben prasselt, ertappt man sich dabei, dieses weiße Gebrösel im Gemäuer für eine Wohltat zu halten. Gleiches gilt für den Boden unter den Füßen, den man dort nicht hätte, wenn es das Haus nicht gäbe. Zähneputzen? Geht nicht, da ist Kalk in der Tube. Toilettenpapier? Das muss auch ohne gehen, weil: Ohne Kalk gäbe es das gar nicht. Lippenstift, Lidschatten und was man da noch so alles finden könnte im Kosmetik-Köfferchen? Man müsste die Schublade gleich wieder zu machen. Für sowas braucht man Kalk – und das geht ja heute gar nicht!

Die Fliesen an der Wand müssen weg? Ach was, die sind aus Naturstein. Zucker auf dem Frühstückstisch? Gäbe es nicht ohne Kalk! Egal, der stand schon vor Jahren auf einer der vielen Verzicht-Listen. Gläser und Besteck? Ohne Kalk gäbe es auch das nicht. Pappbecher? Bloß nicht – die sind umwelttechnisch ein absolutes Tabu. Wasser trinken? Geht nicht – muss mit Kalk gereinigt werden. Klamotten anziehen? Wo war nochmal die ungefärbte Baumwollunterwäsche?

Nun stehen wir da – ungewaschen, nach notdürftigem Toilettengang ohne Klopapier, aber dafür mit Regenwasserspülung und im schafwollenen Outfit. Mit dem Auto zur Arbeit? Geht nicht ohne Kalk, man braucht ihn zur Herstellung der rollenden Vehikel. Fahrrad? Wie, etwa auch nicht? In die Bahn oder den Bus steigen geht auch nicht? Um Himmelswillen, was geht denn jetzt überhaupt noch? Zu Fuß durch Wald und Wiesen, bei Wind und Wetter? Noch nicht mal über Schotterpisten, weil in diesen verdammten Steinen auch Kalk sein könnte. Selbstverständlich ohne Lederschuhe, weil man die ohne Kalk nicht herstellen könnte. Und in zwei Stunden säßen wir dann am Schreibtisch. Ach nee, den gibt’s ja auch nicht mehr – der ist aus Plastik und das gibt’s ohne Kalk nicht. Einen aus Holz? Hm, dafür müsste ein Baum gefällt werden.

Wer angesichts derart düsterer Aussichten am liebsten auf die Mick Jagger hören und zu „Mother´s little Helper“ greifen würde, dem sei gesagt: Die rosaroten Pillen gibt´s nicht ohne Kalk.

. . . bei der Wasseraufbereitung,. Foto: Getty Images/iStockphoto/tuachanwatthana
 . . . oder auch bei der Herstellung von Tabletten. Foto: Daniel Fuhr, Karlsruhe
. . . bei der Zuckerherstellung,. Foto: Bundesverband der Deutschen Kalkindustrie
. . . bei der Toilettenpapier-Produktion,. Foto: PantherMedia / AndreyPopov/AndreyPopov

Also doch besser gleich im Bett liegen bleiben und mit Iwan Gotscharows „Oblomow“ der Prokrastination frönen. Sie kennen das Buch nicht? Dann schnell noch lesen, bevor einer auch noch den Kalk im Papier findet. Zumindest weiß man nach der Lektüre, wie das klappt mit der Aufschieberitis – bis uns hoffentlich bald jemand verrät, wie das alles gehen soll mit dem Verzicht auf Kalk.

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