Haan: Rockabilly ist sein Leben

Haan : Rockabilly ist sein Leben

Guido Neumann produziert mit seinem Label „Crazy Love Records“ Rockabilly-Bands und vertreibt entsprechende Tonträger, meist Vinyl.

Eingebettet in die grünen Hügel Gruitens lebt und pflegt Guido Neumann eine verrückte Liebe.  „Crazy Love Records“ heißt sein Unterfangen mit musikalischer Liebe auch Geld zu verdienen. Unter einem Dach, allerdings im Keller, managt der 55-Jährige die Produktion von Rockabilly-Bands sowie den Vertrieb von Rockabilly-Tonträgern, überwiegend in Vinyl gepresst. Genau genommen zielt der Vertriebsschwerpunkt des Rockabilly-Liebhabers auf Psychobilly, eine in den Achtzigern entstandene Untergruppe des klassischen Rockabilly, der die Retro-Attitüde mit 50er-Jahre-Rock’n’Roll pflegt.

Trotz vieler Meter Regale wirkt der Keller wohnlich, moderne TV-Technik trifft auf den Gelsenkirchener Barock einer historischen Musiktruhe mit Röhrenradio. In einer Ecke liegen glitzernde Kupfer-Matritzen für eine Platten-Pressung, in einer anderen Ecke lehnt ein mächtiger Kontrabass, auf dem ein entfesselter Rockabilly-Bassist auf der Bühne vielleicht schon ein wildes Bass-Rodeo vollführt hat.

Neumann, der sich selbst als bodenständig bezeichnet, wirkt absolut nicht wild.  Bedächtig berichtet er von seiner Lehre als Energieanlagenelektroniker und seiner späteren Arbeit mit behinderten Menschen auf dem Benninghof in Mettmann. Als Musiker war er bestenfalls hobbymäßig unterwegs. Ein Konzert der Stray Cats 1983 in der damaligen Philipshalle in Düsseldorf entfacht dann den ersten Funken für seine spätere Rockabilly-Liebe. Neumann taucht in die Szene ein, sammelt, hört und tauscht sich mit der Szene aus.

In mühsamer Kleinarbeit tackert er die fotokopierten Seiten seines Fanzines zusammen und verschickt es an die Adressen von Rockabilly-Fans, die er beharrlich gesammelt hat. Langsam bekommt er einen Ruf in der Szene und immer mehr Demo-Cassetten zugeschickt. „Irgendwann entstand dann die Idee, auch Platten ’raus zu bringen“, sagt Neumann der vor prall gefüllten Regalen mit analogen Tonträgern, Singles und LPs,  sitzt. Mit Vinyl hat alles begonnen, zwischenzeitlich kam die CD, und nun kommt gerade eine Vinyl-Wiedergeburt.

Lokale Bands wie The Cruisers entfachen weiterhin die Glut, und der legendäre Wuppertaler Musiker und Toningenieur Tim Buktu half dann beim definitiven Feuermachen. „Manche Band hat in einer Woche Studiozeit bei Tim mehr gelernt als in der ganzen Zeit zuvor“, sagt Neumann, der Tim Buktus frühen Tod noch heute bedauert. Nicht alles, was veröffentlicht wurde, traf auf große Resonanz. „Aber mein Geschmack, mein Gefühl haben mich selten enttäuscht und manchmal konnte sogar eine kleine Welle erzeugt werden“, sagt der „Platten-Verleger“ rückblickend. Ähnlich wie zuvor mit seinen Fanzines hat dann Neumann begonnen, seine Platten über einfache Papierkataloge zu verkaufen. Erst Jahre später hat ihm ein Nachbar eine Homepage eingerichtet.

Seine Tätigkeit als Konzertveranstalter währte hingegen nur kurz. „Es gab mal fünf Festivals in einem Essener Jugendzentrum, da habe ich dann versucht die ein oder andere Band mit unterzubringen, das war eine spaßige Aktion, aber als mal ein Stuhl aus einem Hotelfenster flog, war es dann mit dem Spaß vorbei“, sagt Neumann. Seit 25 Jahren versendet er nun seine Psychobilly-Spezialitäten nahezu in alle Welt. „Die Rockabilly-Szene lebt, doch das Interesse an Psychobilly lässt leider nach“, bedauert ein Fan, dessen verrückte Liebe jedoch bleibt.