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Pandemie im Kreis Mettmann: Impfen bis in die späten Abendstunden

Pandemie im Kreis Mettmann : Impfen bis in die späten Abendstunden

Dr. Thomas Nasse, ärztlicher Leiter des Impfzentrums, berichtet: Bis zu 2000 Menschen werden pro Tag geimpft. Wir haben den 86-jährigen Haaner Carl Kaufhold bei seinem Impftermin begleitet.

Bis zu 2000 Leute, jeden Tag. Es läuft im Impfzentrum am Timocom-Platz in Hochdahl. Dass es zwischenzeitlich mal Warteschlangen gegeben hat, über die geklagt wurde? Nun ja, es mögen die klassischen Startschwierigkeiten gewesen sein, und die sind augenscheinlich längst ausgestanden. Der Haaner Pensionär Carl Kaufhold kann sich an diesem Tag selbst davon überzeugen. Er hat einen Termin im Impfzentrum.

Nachbarstädte wie Wuppertal lassen niemand vor dem Termin auf das eingezäunte Gelände. Da sitzen die Zu-Früh-Gekommenen dann draußen in ihren Autos herum und warten. Im Grunde nichts anderes, aber es fällt nicht so auf. Woran es auch immer gelegen haben mag beim hiesigen Impfzentrum, es ist längst Geschichte. Möglicherweise kommen die Leute auch einfach pünktlich, und nicht schon eine Stunde vorher. Denn eines ist sicher: Geimpft wird jeder, der einen Termin hat. Wenn man es einmal bis hierhin geschafft hat, kann nichts mehr schiefgehen.

An diesem Tag dürfen wir Carl Kaufhold durch das Impfzentrum begleiten. Der Haaner hätte eigentlich schon längst geimpft sein sollen, wären da nicht die Probleme mit der Terminvergabe. Der 86-Jährige ist nicht im Internet unterwegs und stammt aus einer Generation, in der man am anderen Ende der Leitung noch ans Telefon ging, wenn es klingelte. Endlose Warteschleifen, Musikberieselung und irgendwann vielleicht eine Ansage vom Band, mit der man weiterhin vertröstet wird: Dass dabei vor allem ältere Menschen die Geduld verlieren und verzweifeln, weiß auch Dr. Thomas Nasse.

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Und dennoch berichtet der ärztliche Leiter des Impfzentrums von Initiativen, die gerade diesen Menschen helfen. Ohne Unterstützung von Nachbarn und ehrenamtlichen Helfern würden vermutlich viele durchs Raster fallen und vor allem dann ungeimpft zuhause ausharren, wenn niemand aus der Familie helfen kann.

Thomas Nasse legt an diesem Tag selbst Hand an und verhilft Carl Kaufhold zur ersehnten Impfung. Einer der zum Dienst eingeteilten Impfärzte war zuvor nach Monheim geeilt, um dort in einem mobilen Impfteam auszuhelfen. „Wir sind hier ein tolles Team“, erzählt der Mediziner aus einem Alltag, in dem man sich aufeinander verlassen können muss.

Die Spritze bei Carl Kaufhold ist gerade gesetzt, da piept auch schon das Funkgerät. Eine junge Mutter wurde von ihrer Hausärztin ins Impfzentrum geschickt – die Medizinerin sei sich unsicher gewesen und habe sie nicht selbst impfen wollen, weil sie ihr Kind noch stille. Nasse eilt hin, der Frau wird geholfen.

Dass es im Impfzentrum mittlerweile gut läuft? Das hätte er eigentlich gar nicht zu erzählen brauchen. Man spürt es, wenn man draußen vor der Türe auf Einlass wartet. Die Leute sind freundlich und verbreiten gute Laune. Beim Einchecken, bei der Kontrolle der Unterlagen und überall im Gebäude herrscht eine Atmosphäre, die einem zuallererst hierzu verhilft: Man verliert die Angst vor der Spritze. Verlaufen kann man sich auch nicht in dem großen Bürokomplex, den der Kreis Mettmann von der Firma Timocom angemietet hat:

Überall stehen Mitarbeiter, Rotkreuzler und Bundeswehrsoldaten, um den Weg durch die Etagen zu zeigen. Hier schiebt jemand einen Rollstuhl durch den Flur, dort beantwortet einer der Impfärzte geduldig alle Fragen: Es herrscht geschäftiges Treiben – und der Piks dauert dann nur ein paar Sekunden. Carl Kaufhold hat ihn noch nicht mal gespürt, nach einer Viertelstunde im Wartebereich ist die Sache für ihn gelaufen: Geimpft!

Den ärztlichen Leiter treiben derweilen ganz andere Fragen um: Wird es genug Impfstoff geben, um auch weiterhin Termine für Erstimpfungen vergeben zu können? So genau könne man das nie wissen, sagt Nasse – es könne auch immer wieder mal Engpässe geben. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung lassen sich keine Termine mehr buchen? Das Problem sei bekannt, man solle es dennoch immer wieder versuchen. Und was ist mit den Impfschleichern? Ja, die gebe es – aber man sei schlicht zu beschäftigt mit anderen Dingen, um auch noch Strafverfolgung betreiben zu können. Oftmals falle das aber auf, und dann schicke man die Leute ungeimpft nach Hause. Keinen Sinn habe es, in den Abendstunden darauf zu warten, mit einer Restdosis geimpft zu werden. „Wir haben Listen, die dann kurzfristig abtelefoniert werden“, sagt Thomas Nasse. Erst vor ein paar Tagen sei er bis 22 Uhr im Impfzentrum geblieben, um kurzfristig einbestellte Polizeibeamte aus Ratingen zu impfen. Weggeworfen werde definitiv nichts.

Und was ist mit der indischen Mutation, die kürzlich in Velbert ausgebrochen ist? Müssen wir uns Sorgen machen? „Eher nicht, die Impfstoffe sollen auch dagegen wirksam sein“, beruhigt Thomas Nasse. Wohl wissend, dass wissenschaftliche Erkenntnisse stets im Wandel sind und wir uns daran gewöhnen müssen, dass nicht alles sofort geklärt werden kann. In Zeiten wie diesen ist Geduld gefragt, auch beim Impfen. Und dennoch: Im Herbst dürfte sich die Lage aus Sicht des Mediziners deutlich entspannen. Auch im Impfzentrum am Timocom-Platz, das man dann möglicherweise nicht mehr braucht. Bis dahin übernimmt das Land NRW die Kosten.