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Nikolaus-Kirchturm steht seit 125 Jahren oberhalb von Gruiten allein

Haan : Der alte Kirchturm thront einsam überm Dorf

Vor 125 Jahren ist das Kirchenschiff der alten St. Nikolaus-Kirche abgerissen worden. Seither ist der Turm auf dem katholischen Friedhof allein.

1879 weihte Gruitens katholische Gemeinde ihre neue Nikolaus-Kirche ein. Aber noch stand die alte romanische Kirche aus dem 12. Jahrhundert auf ihrem Platz hoch über dem Dorf. Sie zu erhalten, fehlte der Gemeinde das Geld, sodass das Gotteshaus zusehends verfiel. Aber auch der Abbruch erforderte Geld, das nicht vorhanden war. Im November 1894 notierte der Kirchenvorstand in seinem Protokollbuch den Beschluss, die „Königliche Regierung ... zu bitten … vor allem für den Abbruch der Kirche resp. des Schiffes“ der Gemeinde „Unterstützung zukommen zu lassen“. Auch über die „Reparatur des Thurmes“ wurde nachgedacht. Ob das geschah, dafür hat Heimathistoriker Lothar Weller in den Gruitener Archiven keine Anzeichen gefunden. Aber: Auf der Kirchturmspitze ist ein Wetterhahn montiert, der die Jahreszahl 1897 trägt. Also hat es Arbeiten gegeben.

Am 7. Januar 1895 beschließt der Kirchenvorstand dann, „die Königliche Regierung ergebendst zu bitten, die Summe von 450 bis 500 Mark, die zum Abbruch der Kirche und zur Fortschaffung der Steine u. des Schuttes nöthig sein wird, bei dem Provinzial-Ausschuss gnädigst beantragen zu wollen“. Ob der gewünschte Betrag zur Verfügung gestellt wurde, ist nicht bekannt, aber der Abbruch hat stattgefunden. Seit nunmehr 125 Jahren steht der alte Kirchturm allein inmitten der Kirchhofsmauer, die schon viele Jahrhunderte lang die frühere Kirche und den Friedhof umfriedet hatte.

Bild vermutlich von 1897. Da wurde der Wetterhahn auf dem Kirchturm montiert. Das Gerüst am Turm deutet darauf hin, dass es auch Sanierungen im Mauerwerk gab. Als der Hahn 1953 abgenommen wurde, entdeckte man neben der Aufschrift „1897, Wilhelm Wippermann“ noch fünf Einschüsse – vermutlich  von Infanteriekugeln aus der Kriegszeit. Foto: Gruitener Archive

Geldknappheit war immer wieder ein Thema: 1908 wird ins Protokollbuch geschrieben: „Die gewöhnlichen, kleineren Reparaturen an dem (...) Thurme hat seither die Kirchengemeinde besorgt; auch sind die durch den Blitzschlag entstandenen Schäden am Dach seinerzeit auf ihre Kosten gründlich repariert worden. Zu außergewöhnlichen Anforderungen, wie sie jetzt für Instandsetzung im Allgemeinen u. namentlich des Mauerwerks wieder nothwendig sind, fehlen der Kirchengemeinde die Mittel durchaus; sie weiß kaum die Mittel für die Unterhaltung der neuen Kirche zu beschaffen. Die Instandsetzung des alten Thurmes kann ihr auch um so weniger zugemuthet werden, als sie für sich kein besonderes Interesse an der Erhaltung des Thurmes hat.“

Ende 1948 schrieb Prälat Marschall an die Amtsverwaltung Gruiten: „... dass wir in Aussicht genommen haben, die Arbeiten am Kirchturm im nächsten Frühjahr zu beginnen. Vor der Währungsreform war kein Material da, und jetzt haben wir kein Geld zur Verfügung. Ich bitte deshalb die Amtsverwaltung (...) zu überlegen, welche Mittel uns aus den amtlichen Fonds der Gemeinde, des Kreises und der Regierung unter dem Titel ,Denkmalschutz’ zur Verfügung gestellt werden können.“

Seit St. Martin 2014 ist der sanierte Turm abends angestrahlt. Die Kapelle wird in der Nacht zu Pfingstmontag zu einem Gottesdienst genutzt. Foto: Lothar Weller

Drei Jahre später berichtet die Gruitener Amtsverwaltung an den Kreis: „Der Turm auf dem kath. Friedhof in Gruiten befindet sich in einem sehr schlechten Zustand. Wenn nicht schnellstens eine gründliche Instandsetzung, vor allem des Helms, vorgenommen wird, ist über kurz oder lang mit einem totalen Verfall zu rechnen.“ Der Krieg hatte die bereits genehmigte Sanierung verhindert, der Turm nahm ausgangs des Krieges durch die Sprengung eines Wagens Panzerfäuste weiteren Schaden.

1953 geht aus einem Zeitungsartikel hervor, dass an der oberen Häufte des Turmhelmes schon ein mehr als einen Quadratmeter großes Loch zu sehen ist. Im Juli 1953 berichtet die Rheinische Post über die angelaufenen Arbeiten. „Der ganze Turm bis zur Spitze ist mit einem Leitergerüst umgeben. […] Restlos verschwunden sind die alten Dachschiefer mit allem, was sich noch am Turmhelm befand. Sogar das Holzwerk zur Schieferbekleidung ist entfernt worden. Statt dessen hat man eine ganz neue Holzverkleidung um den Turm gelegt. Zweihundert Quadratmeter gutes Holz sind dort bereits angeschlagen. Auf ihm wird die Schieferverkleidung besten Halt finden. Die Verschieferung wird in altdeutscher Bauweise, wie vom Dombaumeister Weyres und der zuständigen Oberbaurätin der Regierung gefordert worden ist, ausgeführt. Im ganzen benötigt man vier Tonnen Schiefer. Er ist aus der bekannten Grube Katzenberg bei Mayen (Eifel) herangeschafft worden.“ Die gesamt Sanierung schlug mit 25.000 D-Mark zu Buche.

Das wohl wertvollste Teil aus der alten Kirche, das 1895 in den Turm versetzt wurde, ist das gotische Sakramentshäuschen (Tabernakel) aus der Zeit um 1500. Foto: Lothar Weller

In den Jahren 2013 und 2014 realisierte der Förderverein St. Nikolaus ein Großprojekt: Unter seiner Federführung wurde der denkmalgeschützte Turm von Grund auf saniert. Öffentliche Mittel und private Spenden in Höhe von 150.000 Euro waren eingeworben worden. Seit dem Martinstag 2014 leuchtet in der Dunkelheit der instandgesetzte romanische Kirchturm aus dem 12. Jahrhundert als Denkmal und Zeichen des Glaubens über dem Dorf.

Das Projekt sorgte auch dafür, dass die Gruitener Geschichte neu geschrieben werden muss. Skelettfunde am Turmfuß erwiesen sich bei der wissenschaftlichen Untersuchung als älter als der Nikolausturm aus dem Jahre 1075. Weil bei einem Skelett durch das Fundament Schulter und Kopf schräg angeschnitten waren, lag nicht nur für Heimathistoriker Lothar Weller der Schluss nahe, dass der Kirchturm zur Zeit der Bestattung noch gar nicht gebaut war, Die Untersuchung mittels der Radiokarbonmethode bestätigte diese Annahmen, berichtete Norbert Julius vom Förderverein St. Nikolaus. Zwei der Skelette werden zwischen 777 und 986 bzw. 891 und 1017 datiert. Das dritte Grab konnte von naturwissenschaftlicher Seite zwischen 971 und 1053 oder 1080 und 1153 datiert werden. Also hat es schon vor dem Bau des Kirchturms eine Siedlung gegeben.