1. NRW
  2. Städte
  3. Haan

Musik trifft auf verbale Abgründe

Holocaust-Gedenktag : Musik trifft auf verbale Abgründe

Drastische Internetkommentare und Briefe standen im Mittelpunkt des Lesekonzerts „Vergiss nicht, dass Dein Satz eine Tat ist“ im Schulzentrum Walder Straße.

Es dauerte nicht lange, da wurde es einem Zuhörer offensichtlich zu bunt: Mitten in der Veranstaltung stand er auf und fragte, ob es vorgesehen sei, über die gehörten Zitate zu sprechen. „Heute Abend nicht“, gab Martin Kurth, Leiter der Volkshochschule (VHS) Hilden-Haan, die prompte Antwort, versicherte aber, dass das zu einem späteren Zeitpunkt möglich sei. Ohne sie weiter zu kommentieren lasen Jugendliche und Erwachsene am Sonntagabend in der Aula des Schulzentrums Walder Straße aus wenig wohlwollenden Internetbotschaften und Briefen an Politiker, Journalisten oder Künstler vor.

Die Bandbreite reichte dabei von provokanten Aussagen bis zu Beleidigungen und Drohungen. „Du solltest Dich auf Deinen Geisteszustand überprüfen lassen“, gehörte noch zu den harmloseren Formulierungen aus Briefen an Zeitungsredaktionen. Wüste Beschimpfungen und Kraftausdrücke fanden sich wiederum auf der facebook-Seite des Düsseldorfer Rosenmontagszug-Wagenbauers Jacques Tilly, dessen Werk ein Autor als „Entartete Kunst“ bezeichnete.

„Vergiss nicht, dass Dein Satz eine Tat ist“, hieß das Lesekonzert, das die Volkshochschule gemeinsam mit der Musikschule Haan und der Stabsstelle Wirtschaftsförderung, Tourismus und Kultur der Stadt Haan organisiert hatte. Den Gedenktag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 75 Jahren nahmen die Veranstalter zum Anlass, demokratiefeindliche Umtriebe und verbale Exzesse der Gegenwart in den Fokus zu rücken.

Flankiert durch musikalische Beiträge von Orchester, Chor und kleineren Instrumental-Ensembles – vom Gefangenenchor aus „Nabucco“ bis zur Mackie-Messer-Moritat aus der „Dreigroschenoper“ – stellten die in der fast vollbesetzten Aula verteilten Vorleser viele mitunter heftige Entgleisungen vor. Darunter waren auch Reaktionen auf die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU): „Jeder bekommt am Ende seinen Lohn“, hieß es da zum Beispiel. Mit der gesparten Pension sei nun mehr Geld für Flüchtlinge übrig, lautete ein anderer zynischer Kommentar.

In Einspielfilmen auf der Leinwand kam unter anderem der ehemalige israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsmann zu Wort. Einem abschließenden Urteil darüber, was die verlesenen Kommentare letztlich wirklich über die Gesellschaft aussagen, enthielten sich die Veranstalter. Nachdenklicher, gedämpfter Applaus entließ die Akteure nach einer Stunde.