Grube 7 in Gruiten ist ein Natur-Reservat

Grube 7 : Wie aus einem Kalksteinbruch ein Naturreservat wurde

Der ehemalige Kalksteinbruch ist der Beweis, dass sich die Natur ein verloren geglaubtes Terrain auf geduldige Weise zurückerobern kann. Ein Spaziergang durch die Grube 7.

In Grube 7 wurde früher Kalk abgebaut. Heute ist der Mensch ausgesperrt. Die Grube ist ein Naturschutzgebiet, in dem sich Pflanzen und Tiere wieder ungestört entwickeln dürfen.

Im ehemaligen Steinbruch der Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke (RWK, heute Lhoist) in Wülfrath stoßen zwei Welten aufeinander: Die vor dem Zaun, in der man über Jahre hinweg viel Mühe hatte, um sie vor dem zunehmenden Freizeitdruck zu schützen. Und die hinter dem Zaun, die – mit kleinen Hilfen hier und dort – überwiegend sich selbst überlassen blieb.

Von dieser Welt hinter dem üblicherweise verschlossenen Tor wollen wir hier erzählen. Unser Begleiter auf dem Spaziergang in ein Idyll: Landschaftswart Hans-Joachim Friebe (74) – seit Jahrzehnten ein eifriger Streiter für die grüne Oase direkt vor seiner Haustür.

Überreste des imposanten Steinbrechers: Immer wieder versuchen Leichtsinnige, ihn zu erklettern. Sie begeben sich damit in Lebensgefahr. Foto: Mikko Schümmelfeder

Der Gruitener kennt die Grube noch aus Zeiten, als er mit einem „Henkelmann“ dorthin geschickt wurde. Mitte der 1960er Jahre war dann Schluss mit dem Kalkabbau – die Kalkwerke hinterließen eine Industriebrache. Betonierte Böden, verlassene Produktionsstätten und mittendrin dieser wunderbare See.

Hans-Joachim Friebe ist ehrenamtlicher Landschaftswart und kennt die Tier- und Pflanzenwelt in der Grube 7 ganz genau. Foto: Mikko Schümmelfeder
Naturschützer haben Seen angelegt. Foto: Mikko Schümmelfeder

Um den „Canyon“ werden noch heute Legenden gestrickt von denen, die damals darin gebadet haben. Und das noch nicht mal heimlich still und leise, obwohl der Sprung ins kühle Nass strengstens verboten war.

„Als die Grube später trockengefallen ist, musste ein Kran anrücken“, erinnert sich Hans-Joachim Friebe an den Moment, als er von oben herab auf sieben Motorräder schauen konnte. Darunter eine 1000er BMW – und dann war da noch dieser Kleinlaster. Allesamt versenkt, von wem auch immer. Ob sie über die Klippen geschoben wurden oder sich gar jemand damit aus dem Leben hatte verabschieden wollen? Man wusste es nicht.

Vom Wasser in der Grube kann schon längst keine Rede mehr sein, nachdem damals noch RWK mit dem Einleiten des andernorts abgepumpten Grundwassers aufgehört hatte. „Das waren jährlich 500.000 Mark Stromkosten“, erinnert sich Hans-Joachim Friebe an eine Zahl, die beim Unternehmen ordentlich ins Kontor geschlagen hatte.

Am Ende war man sich einig: Ein derart hoher Energieaufwand ist auch aus Naturschutzsicht nicht sinnvoll. Zuvor hatte es noch ein Fischsterben gegeben – die toten Kadaver in der Grube waren ein trauriger Anblick, das Entsetzen stand den Spaziergängern ins Gesicht geschrieben.

Mittlerweile gibt es dort zehn Teiche – angelegt, gehegt und gepflegt von der Haaner Arbeitsgemeinschaft Natur und Umweltschutz (AGNU). Für den größten Tümpel wog die Teichfolie 1,5 Tonnen. Am Stück geliefert, wurde sie für die ehrenamtlichen Naturschützer zur logistischen Herausforderung.

Noch heute sind es die Mitstreiter der Haaner Arbeitsgemeinschaft für Natur und Umwelt, die fleißig Hand anlegen in der Grube 7. Aber eben nur dort, wo die Natur dankbar ist für sanfte Unterstützung. „Wir haben hier nicht einen einzigen Baum gepflanzt“, lässt Hans-Joachim Friebe die vergangenen Jahrzehnte an sich vorbeiziehen. Das es ringsum dennoch viele davon gibt, hat die Natur selbst entschieden. Alles Flachwurzler, weil es auf der ehemaligen Industriebrache nicht viel Platz nach unten gab. An manchen Stellen wurden die Wiesen kurz gehalten, um seltenen Pflanzen zu Licht und Sonne zu verhelfen.

„Wo findet man denn heute noch Augentrost und Tausendgüldenkraut“, lässt der Landschaftswart seinen Blick durch die Wiesen streifen. Ob man das so sagen darf? Vermutlich nicht, denn den klassischen, englischen Rasen findet man hier nirgendwo. Ringsum farbenfrohe Blüten, mittendrin summt und flattert es und man spürt sofort, warum das Unberührte auch unberührt bleiben sollte.

Derweilen erzählt Hans-Joachim Friebe von Party-Gesellschaften, die sich mit dem rollenden Verstärker in der Grube 7 niedergelassen hatten. Und von Liebespaaren, die dort ihre Zelte aufgeschlagen haben. Jenseits des Zauns sollen schon Leute ihren Hund in der Düssel shampooniert haben, weil es der Tierarzt empfohlen haben soll.

Auf dem ehemaligen Steinbrecher hat Friebe kürzlich Geo-Kletterer aus Kassel entdeckt, die damit in Internetforen punkten wollten. Kaum auszudenken, was passieren würde, wenn man die Türe zur „innersten Seele“ der Grube 7 wieder öffnen würde.