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Fünffachmord in Solingen hat Verbindung nach Haan

Prozessauftakt nach Schreckenstat in Solingen : Fünffachmord: Verbindung nach Haan

Die 28-jährige Solingerin, die fünf ihrer sechs Kinder getötet haben soll, steht jetzt vor Gericht. Der Vater ihrer vier jüngsten Kinder ist ein junger Mann aus Haan.

Es blitzte und klickte, als die Angeklagte am vergangenen Montag in den Gerichtssaal geführt wurde. Verbergen andere schon mal ihr Gesicht hinter Aktenordnern, tat sie das nicht. Sie wirkte angespannt und konzentriert, als Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt die Anklage verlas: Der 28-jährigen Solingerin wird heimtückischer Mord vorgeworfen, sie soll fünf ihrer sechs Kinder (19 Monate bis 8 Jahre) getötet haben.

Der Vater der vier jüngsten Kinder: Ein junger Mann aus Haan, der sich auf sein Aussageverweigerungsrecht beruft. Zu groß sei die seelische Belastung, die es mit sich bringen würde, über den Tod des Sohnes und der drei Töchter zu sprechen. Die Kinder sollen von der Mutter in der Badewanne erstickt oder ertränkt worden sein – so wie auch ein achtjähriger Junge aus einer vorherigen Beziehung. Den ältesten Sohn (11) hatte die Frau zur Oma nach Mönchengladbach geschickt, bevor sie sich am Düsseldorfer Hauptbahnhof vor den Zug warf.

Die Angeklagte schweigt in diesem Prozess, stattdessen erzählten am zweiten Verhandlungstag psychiatrische Gutachter aus einem Leben, in dem es aus Sicht der jungen Mutter vor allem Andere gewesen sein sollen, die für Chaos gesorgt haben. Ein Vater, Filialleiter eines Supermarktes, schon vor Jahren wegen des Besitzes von Kinderpornografie verurteilt und derzeit erneut angeklagt, weil er die 28-Jährige in deren Kindheit sexuell missbraucht haben soll. Ein Bekannter, der sie mit 12 Jahren vergewaltigt haben soll.

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Und am Ende ein Ehemann, der beinahe zehn Jahre lang das „siebte Kind“ gewesen sei. Mal war er da, mal war er weg:  Immer wieder soll sich der Haaner für Wochen zu seiner dort lebenden Mutter und den Großeltern „verdrückt“ und die eigene Familie sich selbst überlassen haben. Dort habe er sich mit Alkohol volllaufen lassen und sei nicht erreichbar gewesen. Auch dann nicht, als einer der Jungs sich den Kopf gestoßen habe und ins Krankenhaus gebracht worden sei. Mit im Krankenwagen, zum Trösten: Der große Bruder, weil die Mutter mit den jüngeren Geschwistern habe zuhause bleiben müssen.

Irgendwann in 2019 will sie ihren Mann aus der gemeinsamen Wohnung geworfen haben, da sei er obdachlos gewesen. Sie habe ihn loswerden wollen und als er kurz vor der Tat –  mit Schmuck behangen und in sicherer Entfernung – auf seinem Handy herumgetippt habe, will sie ihn gefragt haben, ob er eine Freundin habe. Ihr selbst wäre das angeblich recht gewesen, wenn sich endlich eine andere Frau um seine Probleme gekümmert hätte. Er dagegen habe ihr gesagt, dass er sie über alles liebe und dass sie es doch nochmal gemeinsam versuchen sollten. Er habe unbedingt noch ein Kind gewollt, seit Juni habe sie schon nicht mehr verhütet.

Man hört all diese Dinge, dann schaut man auf die Angeklagte  – und irgendwann fragt man sich, ob das alles wirklich so gewesen sein kann. Oder ob es nicht vielmehr so gewesen sein könnte, dass sie selber den Vater ihrer vier jüngsten Kinder nicht hatte loslassen können. Den Haaner habe anfangs fasziniert, dass sie als Mutter zweier Kinder keine „Partymaus“ gewesen sei, sondern stattdessen Verantwortung getragen habe. Penibel habe sie die Haushaltskasse verwaltet, jedes Jahr sei man einmal gemeinsam in den Urlaub geflogen. Die Kinder seien angeblich pflegeleichte Wunschkinder gewesen, Probleme habe es nie gegeben. Am Ende habe sie die Polizei rufen müssen, weil der Noch-Ehemann inmitten dieser toxischen On-Off-Beziehung damit gedroht haben soll, sich vom Balkon zu stürzen.

Die Tat selbst hat die Mutter bestritten und das Geschehen stattdessen so geschildert: Die beiden jüngeren Söhne (6, 8) hätten am Morgen des 3. September gequengelt, weil sie verschnupft gewesen seien und das schon  gereicht habe, um nicht in die Schule gehen zu dürfen. Die drei Mädchen (3, 2 und 19 Monate) seien ohnehin zuhause gewesen. Als es an der Türe geklopft und sie geöffnet habe in dem Glauben, es sei ihr ältester Sohn, habe da plötzlich dieser fremde Mann in der Wohnung gestanden. Der habe sie mit „Nele“ angesprochen und gesagt, dass er jetzt ihr Leben zerstören werde, so wie sie zuvor seines zerstört habe. Er sei es auch gewesen, der sie dazu gezwungen habe, ihre Kinder eigenhändig zu ersticken. Und dazu habe er noch „Spaß mit ihr haben wollen“. Dann weinte die Angeklagte: Es war das erste Mal in diesem Prozess.