Angriff auf Innogy-Manager: In Großbritannien sind Säureanschläge trauriger Alltag

Angriff auf Innogy-Manager in Haan: In Großbritannien sind Säureanschläge Alltag

Innogy-Manager Bernhard Günther ist außer Lebensgefahr. Der 51-Jährige hat allerdings bei der Säureattacke auf ihn am Sonntagmorgen schwere Verätzungen erlitten. Übergriffe dieser Art sind in Deutschland eine Ausnahme, in Großbritannien dagegen Alltag. Jugendbanden nennen sie "Gesichtsschmelzer".

Während die Polizei nach den Tätern sucht, befindet sich Manager Bernhard Günther in einer Klinik, die auf die Behandlung von Säureopfern spezialisiert ist. Anschläge mit Säuren kommen in Nordrhein-Westfalen und Deutschland jedoch nicht oft vor. "Gut, dass es bei uns Einzelfälle sind", sagt Frank Scheulen, Sprecher des Landeskriminalamts in Düsseldorf.

Ganz anders sieht es dagegen bei seinen Kollegen in Großbritannien aus. Auf der Insel häufen sich Säureattacken. Wie die Zeitung The Independent berichtete, wurden in England und Wales in den vergangenen sechs Monaten mehr als 400 Angriffe mit säurehaltigen Substanzen gezählt.

"Säure als Waffe erster Wahl - das ist neu"

Die Polizei glaubt, dass viele Säureattacken in Verbindung mit kriminellen Banden stehen. Diese bezeichnen ihre Angriffe mit chemischen Mitteln als "Gesichtsschmelzer" (englisch: face melter). "Säure wird nicht mehr als letztes Mittel, sondern als Waffe erster Wahl eingesetzt - das ist neu", sagt der britische Kriminologe Simon Harding im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Der Grund, warum die Täter in den vergangenen Monaten vermehrt zur Säure statt zum Beispiel zu einem Messer griffen: Ein Messerangriff könnte in Großbritannien als versuchter Mord ausgelegt werden, die Attacke mit Säure nur als "Körperverletzung mit einer ätzenden Substanz".

Britische Richter reagierten wegen der alarmierenden Zahlen aber bereits. Inzwischen ist es schon strafbar, wenn man eine Säure nur bei sich trägt. Wird eine Person mehr als einmal mit einer ätzenden Substanz in der Öffentlichkeit erwischt, droht eine Gefängnisstrafe von mindestens sechs Monaten. Unter 18-Jährige müssen in diesem Fall vier Monate in Haft. In Deutschland gilt ein Angriff mit Säure als Körperverletzung und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft.

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Legale Substanzen aus dem Haushalt

Säure wurde in Großbritannien außerdem als "hochgefährliche Waffe" eingestuft. Ein Messer gilt als "gefährliche Waffe". Allerdings ist die Polizei oft nicht in der Lage, die ätzenden Substanzen ausfindig zu machen, da sie zur Tarnung in Trinkflaschen versteckt sind. Die Täter führen diese mit sich und bespritzen dann ihre Opfer. Rachel Kearton, stellvertretende Polizeichefin in Suffolk, berichtet in der Zeitung The Guardian, dass die Attacken hauptsächlich von Männern im Alter zwischen 26 und 35 Jahren ausgeübt werden.

Einige der schwersten Übergriffe sind nach britischen Polizeiangaben mit Schwefelsäure durchgeführt worden, zwei Menschen starben bisher. Als "Gesichtsschmelzer" werden auch Flüssigkeiten benutzt, die nicht schwierig zu besorgen sind. "Es sind legale Substanzen, die wir alle im Haushalt haben", sagt Rachel Kearton. Schon im Dezember hatte sie gewarnt, dass Großbritannien eine der weltweit höchsten Raten an registrierten Angriffen pro Einwohner hat.

Vor zwei Jahren wurde Vanessa Münstermann von ihrem Ex-Freund mit Schwefelsäure verätzt. Foto: dpa, jst gfh jol

Eines der bekanntesten deutschen Opfer ist Vanessa Münstermann. Vor zwei Jahren schüttete ihr Ex-Freund ihr unvermittelt schwefelsäurehaltigen Industriereiniger ins Gesicht. Münstermann gründete nach dem Vorfall den Verein AusGezeichnet, um anderen Opfern zu helfen.

Auch wenn es keine eindeutigen Zahlen gibt, kommen Säureangriffe in der muslimischen Bevölkerung Indiens, Pakistans und in Bangladesch am häufigsten vor. Die Täter, meist sind es ehemalige Partner, wollen dabei ihre Opfer nicht töten, sondern lebenslang entstellen und brandmarken. Dies soll eine noch härtere Strafe als der Tod sein.

(gaa)