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Zwischenruf aus dem Kloster Langwaden: Scheinwelten in Corona-Zeiten

Spiritueller Zwischenruf aus dem Kloster Langwaden : Scheinwelten in Corona-Zeiten

Mit ihrer vielfach kritisierten Aktion „allesdichtmachen“ haben sich Schauspieler entzaubert, sagt Pater Bruno Robeck. Der Prior der Zisterziensermönche aus Langwaden zieht gleichzeitig Parallelen zum Selbstbild der Kirche, das ebenfalls entzaubert worden sei.

Plötzlich meldeten sie sich ungeschminkt und aus den eigenen vier Wänden zu Wort. Ironisch-satirisch wollten die ungefähr 50 Schauspieler aus der deutschsprachigen Fernsehlandschaft ihre coronakritische Internetaktion „allesdichtmachen“ verstanden wissen. Viele (und ich auch) waren jedoch irritiert bis schockiert. Diese kurzen Videoclips hatten in Form und Inhalt eine unübersehbare Nähe zu Coronaleugnern und Verschwörungstheoretikern. Kein Wunder, dass aus dieser Richtung umgehend Applaus kam.

 Bruno Robeck ist Prior der Langwadener Zisterzienser.
Bruno Robeck ist Prior der Langwadener Zisterzienser. Foto: Melanie Zanin

Mich erstaunte besonders der tagelange Wirbel, den diese relativ kleine Gruppe von Privatpersonen ausgelöst hatte. Schon länger wundere ich mich, dass bekannte Fernsehstars bewusst als Werbeträger und Schirmherren von gemeinnützigen Organisationen eingesetzt werden. Dabei bewundere ich das Engagement der Schauspieler und freue mich über die positive Wirkung, die sie für wichtige Projekte erzielen. Wer jedoch davon ausgeht, dass sie gute Menschen sind, nur weil sie sich in der Filmwelt bestens in Szene zu setzen wissen, erliegt einem Trugschluss. Wir erfahren in der Regel nichts von ihrer wirklichen Lebenseinstellung und von ihrem wahrem Charakter. Wir kennen sie nur aus ihren verschiedenen Filmrollen. Ihr Privatleben bleibt uns meistens verborgen.

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Mit Recht! Es geht uns nichts an. Kleine Einblicke in die noch Filmgeschichte zeigen jedoch, dass einige Lieblinge schwierige Charaktere waren oder eine dunkle politische Vergangenheit hatten. Die Riesenaufregung wegen der Videoclips machte mir vor allem eins deutlich: dass alle Schauspieler auch nur Menschen sind „wie du und ich“. Weder für sie noch für uns ist es gut, wenn sie ausschließlich aufgrund ihres unbestritten beruflichen Könnens eine Vorbildfunktion und moralische Integrität zugesprochen bekommen. Auf der anderen Seite darf man sie ihnen auch nicht aufgrund ihres Berufes absprechen.  Theaterleute früherer Zeiten hatten oft grundsätzlich einen schlechten Ruf.

Wenn wir Schauspielern trauen dann doch nicht aufgrund ihrer Filmerfolge, sondern wegen ihrer persönlichen Lebensleistung, die außerhalb ihres beruflichen Könnens liegt. Aus cinematischer Perspektive betrachtet, haben sie sich durch die Aktion „allesdichtmachen“ einen Bärendienst erwiesen. Sie haben sich selbst entzaubert. Nun mussten sie sich als Privatpersonen ehrlich äußern, wenn sie nicht missverstanden werden wollten. Nach dieser Erkenntnis stellt sich mir eine beunruhigende Frage: Warum üben gerade diejeinigen eine große Anziehungskraft aus, die es meisterhaft verstehen, in eine andere Rolle zu schlüpfen?

Man denke nur an die berufliche Herkunft des Präsidenten der Ukraine und des Chef der Fünf-Sterne-Bewegung in Italien. Es hängt wahrscheinlich zum Teil mit der nahezu perfekten Selbstinszenierung zusammen. Viele Menschen haben eine Schwäche für gut dargestellte Kunstfiguren. Daher bleibt die Aufgabe zur Entzauberung, wenn sie nicht von selbst geschieht. Kritisch frage ich mich selbst an, warum auch die Kirche und alle, die für sie stehen, ihre Anerkennung verloren haben. Die Antwort ist einfach: weil das Selbstbild der Kirche entzaubert worden ist. Mit Recht! Wir in der Kirche müssen uns ein neues und ehrliches Bild erarbeiten durch das Sein, nicht durch den Schein.