Zwei der sechs großen Absetzer im Tagebau Garzweiler werden schon ferngesteuert.

Menschen im Revier: Der Steuermann für den Tagebau-Koloss

Klaus Gustke gehört zu den ersten Absetzerführern, die den Riesen mit einer Fernsteuerung lenken. Er „erschafft“ Neuland.

10.000 Schritte macht er täglich und stapft dabei über ehemaligen Meeresboden aus dem Tertiär: Klaus Gustke ist Absetzerführer im Tagebau Garzweiler und gehört zu den ersten, die diese Riesengeräte mit einer Fernsteuerung lenken. Dabei ist der 56-Jährige nicht nur bei Wind und Wetter in Tag- und Nachtschicht im Freien. Sein Arbeitsplatz ist auch ein ganz Besonderer: Denn mit Hilfe des 6700 Tonnen schweren Absetzers schafft der „Steuermann“ täglich Neuland. Bis zu 300.000 Kubikmeter Abraum wird aus dem aktiven Tagebau auf der Erkelenzer Seite gegenüber mit dem Transportband zum Absetzer gebracht. Und der „spuckt“ dann die Erde auf der Jüchener Seite zum Verfüllen und zur späteren Rekultivierung wieder aus.

Dabei muss Gustke ganz viel Standvermögen haben. Bis zu sechs Stunden pro Schicht steht er in Sichtweite des Absetzers und lenkt die nach einem genauen Plan geregelte Abfüllung mit der Fernsteuerung. Dem Wind und vor allem der Kälte trotzt er mit entsprechender Kleidung mit fünf Schichten und einem Trick: „Man muss immer in Bewegung bleiben“, sagt er und zeigt seinen Schrittzähler. 10.000 bis 11.000 Schritte pro Tag seien sein Ziel, sagt der Mann, der von der Pike auf bei Rheinbraun bzw. bei RWE seinen Berufsweg gemacht hat.

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„Als ich als junger Mensch angefangen habe, hat es noch geheißen, dass man bei Rheinbraun viel Geld verdient und eine Stellung fürs ganze Leben hat“, erinnert er sich. Heute hoffe er, es noch bis zur Rente im Tagebau zu schaffen, gibt der Vater eines 14-jährigen Kindes zu. Auch deshalb macht er täglich die vielen Schritte auf dem unwegsamen Tagebaugelände, um für seinen Beruf körperlich fit zu bleiben. Als Klaus Gustke 1979 in die sogenannte „Jungwerker-Kolonne“ aufgenommen wurde, waren starke, junge Männer im Tagebau gefragt, die anpacken konnten. Eine Berufsausbildung hatten die Jungwerker nicht, sie wurden aber im laufenden Betrieb angeleitet und ausgebildet. Zudem hatten sie die Perspektive, im Unternehmen weiter zu kommen. So erging es auch Klaus Gustke. Bis zu seinem 27. Lebensjahr arbeitete er am Kohleband, dann kam seine Chance: „Die älteren Absetzerführer gingen in die Rente. Und als gefragt wurde, wer das machen möchte, da habe ich mich gemeldet.“ 15 Jahre lang saß er dann im Führerstand des Absetzers, seit vorigem Jahr steuert er ihn mit der Fernbedienung. Etwas erhöht auf Sand- und Erdhaufen hat er den Überblick und kann, wenn es von Nöten wäre, den Riesenkoloss mit seinem Funkgerät-kleinen Steuergerät bis zu 180 Grad bewegen. „Das dauert aber 20 Minuten“, sagt er. Ständig im Blick behalten muss Gustke auch die Beschaffenheit des Füllmaterials. Denn minderwertige Erde wird plangemäß immer sieben Meter unter eine gute Erdschicht verfüllt, damit das Ergebnis hinterher wirklich gutes, zur Rekultivierung geeignetes Neuland hervorbringt.

Diesen Schöpfungsprozess begleitet der 56-Jährige allerdings auch in manch einer einsamen Nachtschicht in der unwirtlichen, mondähnlichen Landschaft. Doch er verrät: „Ich bin hier gar nicht so alleine. Es kommen immer mal wieder Füchse vorbei.“ Die finden auch ohne jeden Bewuchs als Aasfresser tote Tiere im Tagebau. Und Gustke erzählt: „Ein Fuchs ist mir so nah gekommen, dass er mir sogar an der Hose geknabbert hat.“

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