Zukunftsagentur Rheinisches Revier soll Grevenbroich und die Nachbargemeinden im Strukturwandel begleiten.

Strukturwandel: Fit für die Zeit nach der Braunkohle

Die frühere Gesellschaft Innovationsregion Rheinisches Revier, jetzt Zukunftsagentur, die ihren Sitz im Technologiezentrum Jülich hat, soll das Rheinische Revier fit für die Zukunft machen. Für die Zeit nach der Braunkohle sollen Zukunftsvisionen für das Revier mit den drei Tagebauen entwickelt werden.

Die IRR als „Inde-Rur-Region“ zu bezeichnen, sorgt nicht unbedingt für freundliche Mienen bei den Mitarbeitern der Innovationsregion Rheinisches Revier, wie die IRR GmbH offiziell hieß. Sie wurde jüngst in Zukunftsagentur Rheinisches Revier umbenannt. Die Gesellschaft, die ihren Sitz im Technologiezentrum Jülich hat, soll das Rheinische Revier fit für die Zukunft machen, für die Zeit, in der die Braunkohle nicht mehr die Bedeutung hat, die sie derzeit noch besitzt. Zukunftsvision entwickeln für das Revier, das durch die drei Tagebaue Garzweiler, Hambach und Inden geprägt ist, so lautet der Auftrag der Politik an die  Zukunftsagentur. Frühzeitig den Wandel einläuten, Ideen für die Gestaltung von Raum und Zukunft vortragen, Anstöße geben für die Wirtschaft und die Bevölkerung sind theoretische Ansätze für die Arbeit, aus der heraus konkrete Pläne entstehen sollen.

Und so versteht auch Matti Wirth von der früheren IRR seine Arbeit. Der diplomierte Landschaftsgestalter lässt sich nicht darauf ein, für die „Inde-Rur-Region“ tätig zu werden. „Wir verstehen uns als Ideengeber für die gesamte Region.“ Zu einer möglichen Konkurrenzsituation durch einen Zweckverband der Garzweiler-II-Anrainer Mönchengladbach, Erkelenz, Jüchen und Titz oder gar dem „Rheinischen Sixpack“ unter der Federführung der Stadt Grevenbroich äußert er sich nicht. „Wir entwickeln Projekte, die allen Kommunen helfen sollen.“

Als Beispiel führt Diplomingenieur Harald Kurkowski, dessen Bimolab GmbH dafür federführend ist, das Recyclingmodell für Bauschutt an. „In gewisser Weise sind die in einigen Jahren oder Jahrzehnten überflüssigen Braunkohlekraftwerke gewaltige Steinbrüche. Warum sollten wir das Baumaterial nach einem Abriss in gewaltigen Deponien entsorgen?“, fragt er.

Es mache Sinn, auch als Maßnahme beim Strukturwandel der Region, diese Masse zu recyceln und wiederaufzuarbeiten. Recycling-Beton etwa, der in anderen Bundesländern jetzt schon bei Neubauten eingesetzt wird, könnte auch hierzulande dazu beitragen, Ressourcen zu schonen. 45 Prozent des Betons bei Neubauten könnte aus recyceltem Beton bestehen, ohne dass ein Qualitätsverlust eintreten würde, ist Kurkowski sicher. „Das ist ein hochwertiger Baustoff.“  Vorteilhaft sei, dass durch eine veränderte DIN der Einsatz von Recycling-Beton einfacher geworden sei und dieser dadurch einen Aufschwung erleben könnte.

Derzeit laufen Überlegungen, wo eine Modellanlage errichtet werden könnte. Es gebe eine „Schnittmenge“, wenn man Kreise um die drei Tagebaue ziehen, darin könne die Anlage angesiedelt sein – der Bereich um Grevenbroich würde da passen.

Die Zukunftsagentur selbst wird nicht Betreiber einer Recycling-Anlage. „Wir wollen so weit wie möglich vorpreschen und die Praktikabilität beweisen. Dann sind Investoren und Unternehmer aus der Region gefragt und gefordert, unsere Ideen umzusetzen“, sagte Harald Kurkowski. „Wir sind Projektentwickler und Wirtschaftsförderer“, so umschreibt Wirthi die Funktion der früheren IRR. Dazu gehört dann auch, dass eine derartige Anlage nach Möglichkeit energieneutral betrieben wird.

Wirth hat auch andere Visionen auf dem Schirm, etwa eine Wohnsiedlung nach modernsten, energieeffizienten Maßstäben. Die Entwicklung einer derartigen Siedlung wäre am ehesten in der Nähe einer Universität möglich, an der ohnehin Architektur und Werkstoffkunde gelehrt und erforscht wird; mithin nahe der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen.

„Und wir sollten auch nicht vergessen, dass die Braunkohle weitaus mehr ist als ein Brennstoff, aus dem Strom erzeugt werden kann“, betont Kurkowski. Zur Aufbereitung geschädigter Böden oder als Dünger eignet sich das Naturprodukt optimal – eigentlich besser denn als Material, bei dessen Verbrennung gerade einmal 40 Prozent seines Energieanteils gewonnen wird.

Wenn sich die ZukunftsagenturGedanken über die Zukunft des ehemaligen Braunkohlereviers macht, so steht nicht nur die Standortsicherung als wirtschaftliches Zentrum im Blick, dann geht es auch um das Aussehen der Region nach dem endgültigen Abzug der Bagger in der Zeit, in der Löcher zu Seen geflutet und eingeebnete Fläche zu Grünzügen werden sollen. Der Zweckverband Tagebaufolge(n)landschaft Garzweiler spielt beim Strukturwandel eine wichtige Rolle im nördlichen Teil des Reviers. Doch ist die Planung hier noch von vielen Unwägbarkeiten bestimmt. Niemand weiß jetzt schon genau, wann und in welcher Größe der Restsee Garzweiler II zwischen Jüchen, Mönchengladbach und Erkelenz tatsächlich entstehen wird.  Und ob die bisher von RWE angedachte Größe tatsächlich bleibt, ist eine Frage, die nach der Diskussion wegen der Verkleinerung des Tagebaus nach der letzten Leitentscheidung der rot-grünen Landesregierung noch einmal neu überdacht werden muss.

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