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Grevenbroich: Wichtigste Aufgabe: Arbeit schaffen

Grevenbroich : Wichtigste Aufgabe: Arbeit schaffen

Beim Talk auf dem blauen NGZ-Sofa stellte sich Landrat Hans-Jürgen Petrauschke den Fragen von Redaktionsleiter Ludger Baten. Was der Chef der Kreisverwaltung zu den S-Bahn-Plänen sagt und was er von der Interkommunalen Zusammenarbeit hält.

Herr Petrauschke, was zeichnet Sie als Rheinländer aus?

Hans-Jürgen Petrauschke Nun, ich bin im rheinischen Troisdorf geboren — allerdings mit Migrationshintergrund. Meine Eltern kommen aus Schlesien. Ich habe in Bonn studiert und bin seit 28 Jahren beim Rhein-Kreis Neuss beschäftigt, die Hälfte meines Lebens. Insofern bin ich ein echter Rheinländer.

Grevenbroich bereitet sich auf die Eröffnung des Museums der niederrheinischen Seele vor. Was unterscheidet den Rheinländer vom Niederrheiner?

Petrauschke Ich würde das so sagen: Für einen Landrat vom Niederrhein ist der Besuch einer Karnevalssitzung gelegentlich Stress, während das rheinländische Kollegen mehr als Freude empfinden.

Was erwarten Sie vom Museum?

Petrauschke Ich erwarte eine große Attraktion — nicht nur für Grevenbroich, sondern für die ganze Region. Die Stadt braucht einen solchen Anziehungspunkt — mal gucken, was draus wird.

Die SPD will die Ergebnisse der kommunalen Neugliederung stellen. Dabei klingt durch, dass Neuss durchaus kreisfrei sein könnte. Was halten Sie von solchen Diskussionen?

Petrauschke Solche Ideen werden alle paar Jahre wieder formuliert. Für den Rhein-Kreis mache ich mir da keine Sorgen. Eines muss man bedenken: Würde der Kreis aufgelöst, könnte aus Neuss ein Bezirk von Düsseldorf werden. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass in Neuss jemand gerne Bezirksvorsteher oder Bezirksbürgermeister wäre.

Ein Thema, das ebenso oft diskutiert wird: die Regiobahn 38 als S-Bahn. Ist das realistisch?

Petrauschke Das kann nur jemand beantragen, der von dieser Thematik keine Ahnung hat.

Das heißt?

Petrauschke Grundsätzlich: Grevenbroich ist gut an das Schienennetz angebunden. Hier geht es eigentlich nur darum, morgens mehr Platz in den Zügen anzubieten und abends das Angebot auszuweiten. Das hat aber nichts mit der S-Bahn zu tun.

Hätte ein solches Projekt überhaupt eine Chance?

Petrauschke Nein, dafür müsste die Strecke in Richtung Neuss zweigleisig ausgebaut, die Bahnübergänge müssten beseitigt und ein 20-Minuten-Takt eingeführt werden. Das ist weder finanzierbar noch notwendig, da die Züge ohnehin alle 30 Minuten fahren. Sie müssen nur auch später am Abend fahren und alle Fahrgäste auch in Spitzenzeiten am Morgen mitnehmen können.

Was würde das kosten?

Petrauschke Die Investitionen am Bahnkörper betragen 50 Millionen Euro — laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2004. Wohlgemerkt ohne die notwendige Elektrifizierung.

Sie haben einen Kreishaushalt vorgelegt über 80 Millionen Euro. Es liegt damit ungefähr 20 Millionen höher als sein Vorgänger. Wie kommt das?

Petrauschke Mehr als 60 Prozent fließen alleine in den Sozialbereich. Das ist eines unserer größten Probleme. In der Summe reichen die Einnahmen des Kreises, der Städte und Gemeinden nicht mehr aus, um all das zu finanzieren, was die Gesetzgeber auf Landes- und Bundesebene aufgeben. Mit der stetig wachsenden Kostenlast insbesondere bei den Sozialleistungen ist die kommunale Familie allein überfordert.

Was können Sie tun, um die Finanzen aus eigener Kraft halbwegs in den Griff zu bekommen?

Petrauschke Obwohl wir relativ wenig Geld dafür ausgeben: Das wichtigste ist Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung, dass wir die Leute hier in Arbeit bekommen. Das ist eine Sozialtat, die schon in der Schule beginnen muss. Die jungen Leute müssen gut ausgebildet, aufs Berufsleben vorbereitet werden. Und lassen Sie mich eines sagen: Viele Betriebe, auch die Polizei, nehmen nur noch Abiturienten. Das halte ich für falsch. Meine Meinung: Die duale Ausbildung ist genau so viel wert wie ein Studium.

Stichwort: Interkommunale Zusammenarbeit. Was wird im Rhein-Kreis Neuss getan?

Petrauschke Wir schöpfen alle Möglichkeiten aus, um gemeinsame Ressourcen zu bündeln, um auf Dauer weniger Personal zu brauchen. Hier sind wir nicht erfolglos, aber auch nicht schnell genug. Erst vor kurzem wurde das Korschenbroicher Rechnungsprüfungsamt vom Kreis übernommen.

Das ist eine Stelle.

Petrauschke Gut, man kann behaupten, 50 000 bis 60 000 Euro im Jahr sind nicht viel. Dem halte ich entgegen: In zehn Jahren — und in diesem Rhythmus rechnen wir — sind das schon eine halbe Million Euro.

Es gibt sechs Jugendämter im Kreis. Wie kommen Sie denn da weiter?

Petrauschke In zehn Jahren wird das nicht mehr so sein.

Dann gibt's fünf?

Petrauschke Vielleicht nur noch zwei. Das ist mit Emotionen verbunden. Ich glaube aber, dass es den Menschen im Kreis daran liegt, dass die Schulen, Kindergärten, Sportstätten und Straßen in Ordnung sind. Ob in einem Rathaus nun zehn Mitarbeiter mehr oder weniger arbeiten, ist da weniger interessant.

Wie geht es weiter mit der Zusammenarbeit der Krankenhäuser?

Petrauschke Die drei kommunalen Krankenhäuser in Neuss, Grevenbroich und Dormagen sind gut aufgestellt und haben eine Fusion momentan nicht nötig — das wird aber in zehn Jahren voraussichtlich der Fall sein. Die Frage ist nun, warten wir ab oder treten wir jetzt in den Gestaltungsprozess ein? Fakt ist: Kosten können reduziert werden, wenn die Verwaltungen zusammenarbeiten. Einen Privatisierungskurs lehne ich ab, den haben wir nicht nötig. Ich denke, dass die Kreise und kreisfreien Städte dafür da sind, die Grundversorgung vor Ort zu sichern.

Sie haben auch ein Auge auf die Archive geworfen, oder?

Petrauschke Der Kreis ist gesetzlich verpflichtet, ein Archiv zu haben — die anderen nicht. Auch in diesem Bereich geht es um die Frage, wie man das auf Dauer wirtschaftlicher hinbekommt. Klammern wir mal Neuss aus: Die übrigen sieben Kommunen haben in der Summe so viel Mitarbeiter in den Archiven, wie sie unterm Strich nicht gebraucht werden. Das Archiv der Stadt Dormagen ist schon vor langer Zeit mit dem des Rhein-Kreises zusammengeführt worden. Bis heute habe ich noch keine Klagen über eine Verschlechterung gehört.

Wie reagieren die Kommunen?

Petrauschke Die erste Reaktion ist meist: Wir behalten, was wir haben. Wenn jede Kommune genügend Geld hätte und auf Dauer ausreichend Personal, wäre das in Ordnung. Ich denke, dass man mit einer Konzentration der Kräfte und einer Verschlankung der Strukturen gute Effekte erzielt. Hätten sich die acht Städte und Gemeinden zum Beispiel vor zehn Jahren zusammengetan und einen Schwimmbad-Plan erstellt, hätten wir heute zwar weniger, aber leistungsfähigere Bäder — mit einem Mitarbeiter-Pool, der sich gegenseitig hilft. Das ist für mich Interkommunale Zusammenarbeit.

Wiljo Piel fasste das Gespräch auf dem blauen NGZ-Sofa zusammen.

(NGZ)