Grevenbroich: Vor 100 Jahren: Flieger stürzt bei Elsen ab

Grevenbroich: Vor 100 Jahren: Flieger stürzt bei Elsen ab

Auf einem Testflug nach Viersen verlor der Pilot Paul Senge die Orientierung. Als der 22-Jährige eine Notlandung versuchte, stürzte seine Maschine wie ein Stein vom Himmel. Der Tag des Absturzes jährt sich morgen zum 100. Mal.

Paul Senge muss verzweifelt gewesen sein. Er war auf 1600 Meter aufgestiegen, um sich vor heftigen Böen zu retten, die sein klappriges Flugzeug durchgeschüttelt hatten. Immer wieder muss der 22-Jährige über die Tragflächen seines Eindeckers nach unten geschaut haben, um sich zu orientieren. Denn Paul Senge hatte keine Ahnung, wo er sich befand, als er in der zunehmenden Dunkelheit hoch über Grevenbroich kreiste. Dann traf der junge Pilot offenbar eine verhängnisvolle Entscheidung.

Paul Senge kam aus dem Elsass. Sein Vater war Schuhmachermeister, der Sohn sollte den Betrieb übernehmen. Während seiner Gesellenzeit lernte er in Darmstadt jedoch den Piloten August Euler kennen, da entbrannte seine Leidenschaft für die Fliegerei. Senge baute eigene Flugmaschinen, nahm an Luft-Rennen teil und wurde Testpilot bei den Aristoplan-Werken in Wanne-Eickel. Dort nahm er am 8. September 1913 einen spektakulären Auftrag entgegen.

"Ein Konsortium aus Viersen hatte der Werft die unglaubliche Summe von drei Millionen Mark in Aussicht gestellt. Sie sollte beweisen, dass ihr Eindecker ein sicheres und tragfähiges Flugzeug sei", erklärt Ulrich Herlitz vom Geschichtsverein, der für den Kreisheimatbund des Leben des Luftfahrtpioniers erforscht hat. Auf Paul Senge muss ein ungeheurer Druck gelastet haben, als er auf dem Flugfeld in Wanne-Eickel startete, um sich auf den Weg nach Viersen zu machen. Das Ziel war ihm völlig unbekannt.

Über Grevenbroich verlor der 22-Jährige die Orientierung. Als ihm der Wind und der hereinbrechende Abend zusätzlich zu schaffen machten, entschloss sich der Pilot zu einer Notlandung. Im Gleitflug und mit gedrosseltem Motor sank er zu Boden — doch dann hob sich plötzlich der Schwanz seiner Maschine, das Vorderteil senkte sich. Aus 50 Metern Höhe stürzte das Flugzeug ab und zerschellte am Boden. Etwa zehn Meter vor dem Aufprall war Paul Senge aus dem "Aristoplan" gestürzt — die Zeiger seiner Uhr blieben um 19.12 Uhr stehen.

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Im Krankenhaus stellte der Grevenbroicher Arzt Dr. Siepe fest, dass der Pilot einen Schädel- und Unterkieferbruch, mehrere Arm- und Rippenbrüche sowie einen Riss in der Lunge erlitten hatte. Paul Senge hatte keine Chance, er erlag am nächsten Tag seinen Verletzungen.

"Die Nachricht von dem Absturz in der Nähe des Gutes St. Leonhard verbreitete sich damals wie ein Lauffeuer in Grevenbroich", berichtet Herlitz. Das wurde auch in der Presse notiert: "Es sammelte sich sofort eine große Menschenmenge an der Unfallstelle, die in würdeloser Weise die Reste des gestrandeten Flugzeugs an sich riss, um ein Andenken zu ergattern, hieß es unter den Schlagzeilen vor 100 Jahren.

Paul Senge wurde von Grevenbroich in seine Geburtsstadt Hagenau überführt und dort am 13. September 1913 beerdigt. Er zählt heute zu den Pionieren der deutschen Luftfahrt.

(NGZ)
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