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Grevenbroich: VHS bietet Hilfe für Analphabeten

Grevenbroich : VHS bietet Hilfe für Analphabeten

In Grevenbroich leben mehrere Tausend funktionale Analphabeten. Dabei handelt es sich um Erwachsene, die nicht richtig lesen und schreiben können. Doch nur wenige nehmen Hilfe an – wie sie die Volkshochschule (VHS) bietet.

In Grevenbroich leben mehrere Tausend funktionale Analphabeten. Dabei handelt es sich um Erwachsene, die nicht richtig lesen und schreiben können. Doch nur wenige nehmen Hilfe an — wie sie die Volkshochschule (VHS) bietet.

Beim Italiener bestellt er immer Margherita, denn die gibt es in jeder Pizzeria. Da kann er nicht auffliegen. Auf dem Amt hat er stets seine Brille vergessen und bittet um Hilfe beim Ausfüllen des Formulars. Da findet sich immer einer, der das übernimmt. Und wenn er doch eine Brille trägt, dann schmerzen eben die Hände so sehr, dass ihm Schreiben unmöglich ist. Auch da stößt er meist auf Hilfsbereitschaft. Denn einer muss das Schreiben für ihn übernehmen. Der Mann ist funktionaler Analphabet, und er hat sich viele Strategien zur Tarnung ausgedacht. Doch irgendwann fliegt die beste Tarnung auf. Im besten Fall melden sich funktionale Analphabeten danach in einem Kursus von Hedy Wego an.

Sie lehrt an der Volkshochschule (VHS) in Grevenbroich Lesen und Schreiben für Erwachsene. Funktionaler Analphabetismus ist keine Randerscheinung, aber die Betroffenen versuchen ihre Lese- und Schreibschwäche möglichst zu kaschieren. VHS-Leiter Rainer Hoffmann weiß, dass alleine die Anmeldung zu einem solchen Kursus für die Betroffenen meist große Überwindung bedeutet. "Es gibt nur wenige, die sich offen zu ihrer Lese- und Rechtschreibschwäche bekennen", sagt er. Die hohe Dunkelziffer erschreckt ihn. Laut einer 2011 veröffentlichten Studie der Universität Hamburg kann jeder siebte Deutsche zwischen 18 und 65 Jahren nicht richtig lesen und schreiben.

Zum Stichtag 31. Dezember 2011 lebten in dieser Altersklasse laut Kommunalprofil des Statistischen Landesamtes 32 895 Deutsche in der Schlossstadt. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor. Rechnet man die in der Studie aus Hamburg ermittelte Dunkelziffer an funktionalem Analphabetismus auf die Schlossstadt herunter, dann wären in Grevenbroich 4699 Bürger betroffen. Eigentlich müsste folglich geradezu ein Sturm auf die VHS-Kurse erfolgen. Doch das ist nicht der Fall. "Wir haben im Schnitt zehn Teilnehmer", sagt Hoffmann. Und nicht alle bringen den Kursus zu Ende. "Es gibt immer Teilnehmer, die zwischendurch das Handtuch werfen. Man kann sagen: Von zehn Teilnehmern springt einer ab."

Dabei ist die Erfolgsquote gut — wenn die Teilnehmer mit dem nötigen Ehrgeiz ans Werk gehen. In zwölf Doppelstunden geht Hedy Wego individuell auf die Schwächen der Teilnehmer ein. "Manche nehmen auch mehrfach am Kursus teil, weil sie merken: Das bringt etwas", sagt Hoffmann.

Wichtig ist dabei, dass die Schwächen der Teilnehmer schon vor Beginn des Kursus bekannt sind. "Sie bringen ganz unterschiedliche Fähigkeiten mit. Entsprechend muss im Kursus auf sie eingegangen werden", sagt Hoffmann. Rätselhaft bleibt ihm, wie es trotz Schulpflicht zu einer solch hohen Quote funktionaler Analphabeten kommen könne. "Für ein Land wie Deutschland ist das doch eigentlich unvorstellbar", sagt der VHS-Leiter.

Die meisten Teilnehmer an den VHS-Kursen sind zwischen Mitte 30 bis Anfang 50. "Die Älteren haben meist schon resigniert", meint Rainer Hoffmann.

(NGZ/rl)