Ulrike Guérot spricht im Pascal-Gymnasium Grevenbroich über Europa

Professor Ulrike Guérot skizziert Ideen zur Zukunft: So kann Europa wieder funktionieren

Die gebürtigen Elsenerin, Politikwissenschaftlerin und ausgewiesene Europa-Expertin Ulrike Guérot trug sich jetzt ins Goldene Buch der Stadt ein. Beim Vortrag zur Zukunft Europas gewährte sie einige überaus persönliche Einblicke.

Tosenden Applaus bekam Ulrike Guérot am Ende des Abends. Ebenso klug wie gedanklich nachvollziehbar hatte die renommierte Professorin mit Elsener Wurzeln zu ihrem Hauptthema gesprochen. „Ideen zur Zukunft Europas“, war der Vortrag im Pascal-Gymnasium überschrieben. Und dabei gewährte sie quasi vom Kleinen zum Großen auch überaus private Einblicke, wie aus der jungen Grevenbroicherin die anerkannte Expertin für Europa wurde.

Bevor Ulrike Guérot aber mit ihrer Rede begann, legte der stellvertretenden Bürgermeister Bertram Graf von Nesselrode ihr das Goldene Buch Grevenbroichs vor und hielt eine Laudatio auf sie. „Eine große Ehre“, hatte die Politikwissenschaftlerin im Vorfeld bekannt – und nicht die erste Auszeichnung dieses Kalibers. 2003 wurde sie zum Ritter des französischen Ordre national du Mérite ernannt.

In ihrer bemerkenswerten Power-Point-Präsentation, die sie zur optischen Untermalung ihrer Rede nutze, begann sie mit „zwei besonderen Erinnerungen an das Pascal-Gymnasium“. In ihrer Zeit als Oberstufenschülerin spielte sie hier in der Theatergruppe eine Ornithologin. „Ich weiß nicht mehr, was mich geritten hat, dabei mitzumachen“, scherzte sie über die Bühnenversuche in dem Stück „Verspätung im Dialog“. Womöglich war es ihrer Liebe zu Autoren wie Jean-Paul Satre, Albert Camus und Eugène Ionesco zu verdanken – oder der Deutschlehrerin, die damals die Theatergruppe leitete. Außerdem teilte sie mit dem Publikum die Erinnerung an ihr Abitur 1983. „Mit Strohballen versperrten wird damals den Zugang zur Schule. Nach dem Motto: ‚wir haben den Abschluss, wer muss da jetzt noch hin’.“

Von diesem „kleinen Beispiel zivilen Ungehorsams“ kam sie auf Deutschlands Rolle in Europa zu sprechen und welche Impulse es braucht, damit die Gemeinschaft Europa wieder funktioniert Der grassierende Populismus sei nicht vom Himmel gefallen, sondern habe sich in den vergangenen zehn Jahren sukzessive aufgebaut. „Prozesse, die sich lange abzeichneten, haben lange niemanden interessiert“, resümierte Guérot. „Man kümmert sich erst, wenn es einen selbst betrifft“, was sie mit dem bildhaften Beispiel der heißen Herdplatte und dem Verbrennungsschmerz bei Berührungen untermalte,

45 Minuten nahm die Professorin, die im Österreichischen Keims unterrichtet und weltweit in sogenannten „Think Tanks“, zu Vorträgen und selbstverständlich wichtigen Fernsehdebatten unterwegs ist die Situation, wie sie „mitten in Europa ist“ und wie sie sein könnte, versiert in den Fokus. Die Bankenkrise ist der eigentliche Auslöser für den Rechtsruck, „erst sterben die Zeitungen, dann die Demokratie“, zitierte sie unter anderem Brecht, und dass ein Staat aus den Köpfen der Bürger besteht, formulierte sie. „alle Souveränität geht vom Volk aus – und kommt so schnell nicht wieder“, erinnerte sie an Kurt Tucholsky und forderte ihr interessiertes Auditorium auf, mit ihr zusammen „Europa als Republik zu bauen“. Dazu hat sie im Netz eine Plattform errichtet, die European Balcony Project heißt. „Die Frau rennt mit ihren Ideen bei mir offene Türen ein“, begeisterte sich eine Zuhörerin in der späteren Diskussionsrunde, mit der der bemerkenswerte Vortragsabend sein Ende fand.

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