Infos zu mehr als 2000 Kriegstoten Forscher übergibt einzigartigen Daten-Schatz ans Stadtarchiv Grevenbroich

Grevenbroich · In akribischer Arbeit hat der Heimatforscher Stefan Faßbender Daten zu mehr als 2000 Kriegstoten zusammengetragen, die in Grevenbroich geboren wurden, geheiratet haben oder gestorben sind. Die Sammlung erleichtert die Recherche und ist jetzt als Dauerleihgabe im Archiv.

 Heimatforscher Stefan Faßbender mit den für Grevenbroich zuständigen Kreisarchivarinnen Cornelia Schulte (li.) und Sarah Kluth. Die Datensammlung kommt als Dauerleihgabe ins Archiv.

Heimatforscher Stefan Faßbender mit den für Grevenbroich zuständigen Kreisarchivarinnen Cornelia Schulte (li.) und Sarah Kluth. Die Datensammlung kommt als Dauerleihgabe ins Archiv.

Foto: Kandzorra, Christian

Allen Toten des Zweiten Weltkriegs mit einem Bezug zu Grevenbroich einen Namen und im besten Fall mithilfe eines historischen Fotos auch noch ein Gesicht geben: Das ist eine ziemlich große Herausforderung, vielleicht sogar eine Aufgabe für die Ewigkeit. Aber vor allem ist es Stefan Faßbender eine Herzensangelegenheit. „Das Projekt bewegt mich, es lässt mich nicht mehr los“, sagt der Grevenbroicher Heimatforscher, der dem vor gut drei Jahren gegründeten „Netzwerk Kriegstote“ angehört.

In dem Netzwerk sind Mitglieder des Geschichtsvereins Grevenbroich und des Vereins Luftschutzanlagen Rhein-Kreis Neuss engagiert, die die Ereignisse des Kriegs intensiv erforschen und sich auch mit den Schicksalen der Menschen befassen. Stefan Faßbender ist tief in die Materie eingestiegen: Er hat in den vergangenen drei Jahren rund 43.500 Urkunden aus Geburten-, Heirats- und Sterberegistern durchforstet, Chroniken und Kirchenbücher gesichtet. In akribischer Arbeit hat er auf diese Weise Daten zu exakt 2027 Menschen zusammengetragen, die im Zweiten Weltkrieg den Tod gefunden haben – als Soldaten, Zivilisten, als Opfer des Holocaust oder als Zwangsarbeiter.

Faßbender hat in den vergangenen drei Jahren Daten zu genau 2027 Kriegstoten zusammengetragen, die einen Bezug zu Grevenbroich hatten.

Faßbender hat in den vergangenen drei Jahren Daten zu genau 2027 Kriegstoten zusammengetragen, die einen Bezug zu Grevenbroich hatten.

Foto: Kandzorra, Christian

Jeder einzelne dieser Kriegstoten hat durch Geburt, Heirat oder Tod einen Bezug zu Grevenbroich. Es sind 1472 Soldaten (73 Prozent), 257 Zivilisten (13 Prozent), 207 Menschen jüdischen Glaubens (zehn Prozent) und 91 Zwangsarbeiter (vier Prozent). Für jeden einzelnen Menschen hat Faßbender einen einseitigen Steckbrief mit allen bekannten Informationen erstellt und ausgedruckt. Die Sammlung umfasst fünf dicke Aktenordner, in die die Steckbriefe eingeordnet sind. Diesen einzigartigen Daten-Schatz hat Stefan Faßbender dem Stadtarchiv Grevenbroich jetzt als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt.

Ab sofort können Bürger die Daten für die Recherche nutzen, wenn sie beispielsweise mehr zum Schicksal ihres im Krieg als vermisst gemeldeten Großvaters erfahren möchten, der in Grevenbroich geboren wurde. Das erleichtert die Suche, sagt Archivarin Cornelia Schulte: Auf den Steckbriefen ist all das, was über die jeweilige Person herauszufinden war, zusammengefasst. „Das ist ein Einstieg in die jeweilige Biografie.“ Und die Datensammlung ermöglicht eine schnelle Suche dank alphabetischer Sortierung.

Tatsächlich sind Militärarchive in Deutschland auch fast 79 Jahre nach Kriegsende noch damit beschäftigt, Vermisstenfälle aufzuklären. Das Stadtarchiv Grevenbroich bekommt diesbezüglich regelmäßig Anfragen zu einzelnen Personen – und auch Privatleute interessieren sich für die Schicksale ihrer Angehörigen. So befassen sich Cornelia Schulte und ihre Kollegin Sarah Kluth im Stadtarchiv derzeit mit einem Fall, bei dem ein 1923 geborener Grevenbroicher, der theoretisch noch leben könnte, in einem Grundbuch eingetragen ist. Der Mann wurde 1943 als vermisst gemeldet und ist seitdem nicht mehr aufgetaucht. Trotzdem wurde er nie für tot erklärt. Die Großnichten des Grevenbroichers wollen das nun nachholen – ein Vorgang, der offiziell beurkundet werden muss. Für solche Fälle können die von Stefan Faßbender zusammengetragenen Daten hilfreich sein, denn auch seine Quellen sind darin vermerkt.

Bei seiner Recherche hat der Heimatforscher auch zahlreiche Todesanzeigen und Totenzettel aus Kriegszeiten gesichtet.

Bei seiner Recherche hat der Heimatforscher auch zahlreiche Todesanzeigen und Totenzettel aus Kriegszeiten gesichtet.

Foto: Kandzorra, Christian

Der Datensatz soll ständig erweitert werden, denn auch wenn inzwischen ein Großteil der relevanten Geburts-, Heirats- und Sterbedokumente nicht mehr mit einem Datenschutz-Sperrvermerk versehen und frei einsehbar ist: Faßbender geht davon aus, dass sich der Bestand in den kommenden Jahren noch um bis zu 500 Kriegstote ergänzen lässt.

So könnten zum Beispiel noch Soldaten dazugekommen, die im letzten Kriegsjahr 1945 als 16-Jährige eingezogen wurden und kurz darauf gefallen sind. Deren Geburt in Grevenbroich wäre in Registern von 1928 oder 1929 erfasst. Im Todesfall könnten dort Randvermerke vorgenommen worden sein. Das Problem: Die Geburtenregister beim Standesamt sind mit einer 110-jährigen Sperrfrist versehen. Freigegeben werden sie (in diesem konkreten Beispiel) folglich erst im Jahr 2038 beziehungsweise 2039. Für Heirats- und Sterberegister gelten mit 80 beziehungsweise 30 Jahren wesentlich kürzere Fristen.

Der Datensatz von Stefan Faßbender bietet auch einigen Raum zur Forschung. So lassen sich daraus diverse Statistiken erstellen – etwa zur Altersstruktur der Kriegstoten. Faßbender konnte ermitteln, dass mindestens 222 Soldaten mit Bezug zu Grevenbroich im Alter von gerade mal 16 bis 20 Jahren den Tod gefunden haben. Andere Statistiken zeigen: Mit Abstand die meisten Grevenbroicher Soldaten sind in den östlichen Kriegsgebieten gefallen. Sogar die Todesursachen hat Faßbender (sofern bekannt) aufgeschlüsselt. Daraus lässt sich lesen, dass auch einige Menschen in Kriegszeiten Selbstmord begangen haben – und mindestens vier Grevenbroicher einer Vergiftung zum Opfer gefallen sind. In jedem Fall ist seine Arbeit auch eine Art Mahnmal, führt sie doch vor Augen, wie mörderisch Kriege sein können.

Bei der Sammlung weiterer Daten möchte sich Stefan Faßbender nicht auf auf seine Heimatstadt beschränken. Er hat bereits begonnen, zu Kriegstoten aus Jüchen und Dormagen zu forschen und auch dort entsprechende Register zu sichten. Beim „Tag der Archive“ am 2. März will er Interessierten im Kreisarchiv Zons Einblick in sein Projekt geben (11 bis 17 Uhr).

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