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Spiritueller Zwischenruf: Lebenskraft und Stärke

Spiritueller Zwischenruf : Lebenskraft und Stärke

Wirklich stark ist nicht der, der mit Härte andere zerstört –  sondern der, der Leben schenkt und schützt. Stärke mit Weichheit ist gefragt, meint Pater Bruno Robeck.

Was ist stärker: der Fels oder die Flut? Der Fels stellt sich trotzig den Wassermassen entgegen. Die Wasser weichen zurück und rollen erneut heran. Steter Tropfen höhlt den Stein, sagt das Sprichwort. Aber was tun, wenn man keine Zeit hat für solch eine lange Prozedur? Dies ist schon eine zweite Frage. Sie darf nicht über den Wahrheitsgehalt der ersten Beobachtung hinwegtäuschen.

Mir fallen zwei wichtige Personen ein, die zur Zeit immer wieder in den Nachrichten auftauchen. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf der einen Seite der mit allen Wassern gewaschene, ausgefuchste, altgediente russische Chefdiplomat Sergei Lawrow. Er sitzt im feinen Anzug sicher in seinem abgeschirmten Büro. Auf der anderen Seite die diplomatisch unerfahrenere und jüngere deutsche Chefdiplomatin Annalena Baerbock. Im schlichten Mantel und mit kugelsicherer Schutzweste, die im Extremfall nicht sehr viel nützen dürfte, geht sie ins Kriegsgebiet und verschließt ihre Augen nicht vor Gefahren und Greueltaten.

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Er zündelt geschickt mit Worten, so dass sich die Gewalt- und Angstspirale weiter dreht. Sie zündet in einer Kirche nahe Kiew eine Kerze für die Opfer des Krieges an und verspricht die Aufklärung der Kriegsverbrechen. Bei ihrem Antrittsbesuch in Russland wollte Lawrow sie mit Wodka kleinkriegen. Trinken sei ein Zeichen der Standhaftigkeit. „Ich weiß, aber ich habe zwei Kinder geboren“, hat sie geantwortet. Hier stehen sich männliche Allmachts-Fantasien und weibliche Lebenskraft gegenüber. Es ist eindeutig, wer weicher ist. Aber: Wer ist stärker?

Für mich gibt es nur eine Antwort – auch gerade mit dem Blick auf die Osterzeit, in der wir noch sind. Die Lebenskraft setzt sich auf Dauer durch. Blanker Hass und blinde Wut haben nur eine kurze Dauer – wenn oft tragischerweise mit verheerenden Folgen. Jesus ist nicht tot zu kriegen. Seine Botschaft und seine Liebe tragen seine Jüngerinnen und Jünger in alle Welt. Alle wollen leben, niemand will sterben. Wir sehnen uns nach Liebe, nicht nach Gewalt.

Tote sind nie Zeichen der Stärke, sondern offenbaren größtmögliches menschliches Versagen. Anfang Mai rühmte sich die russische Militärführung, 600 ukrainische Soldaten getötet zu haben. Im Rhein-Kreis Neuss stieg zu dieser Zeit die Zahl der mit Corona gestorbenen Menschen auf fast 550. Dort in Russland werden die Toten als Erfolg gefeiert, hier bei uns als Verlust betrauert. Den jeweils aktuellen Hinweis auf die Corona-Toten in unserer Region finde ich sehr wichtig, denn wir sollten uns nicht daran gewöhnen, dass Corona das Sterben mitverursachen kann. Die Härte der immer neuen Todesnachrichten sollte uns weich machen, Mitleid zu haben, mit den kranken und alten Menschen, die besonders gefährdet sind. Die Härte der Pandemie sollte uns stark machen, nicht nachzulassen, aufmerksam und verantwortungsvoll zu bleiben und alles zu tun, um das Coronavirus zu bekämpfen.

Wenn wir das Leben wollen, dürfen wir die Toten nicht vergessen. Alle Menschen, die durch Gewalt und Krieg, Krankheit oder Not sterben, bleiben eine ständige Herausforderung und rufen nach einem machtvollen Helfer. Wirklich stark ist jedoch nicht derjenige, der mit Härte die anderen klein hält oder zerstört. Wirklich stark sind diejenigen, die Leben schenken, fördern und schützen. Solch eine Stärke, die mit Weichheit gepaart ist, brauchen wir, um zu leben. P. BRUNO ROBECK