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Spiritueller Zwischenruf aus Grevenbroich: Wo die Kirche relevant sein könnte

Spiritueller Zwischenruf aus Grevenbroich : Wo die Kirche relevant sein könnte

Die Kirche sollte den Menschen helfen, ihre innere Kraftquelle zu erschließen, meint Prior Bruno Robeck. Dazu müsse sie sich auf ihren ureigensten Auftrag besinnen, so die Forderung.

Die Zahlen sind erschütternd. Über eine halbe Million Menschen sind im vergangenen Jahr aus der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland ausgetreten. Nur noch gut 50 Prozent der Bevölkerung gehören einer der beiden großen christlichen Kirchen an. Der Blick in die Zukunft wird traurig, wenn man bedenkt, dass sich dieser Trend durch die Corona-Krise noch verstärken wird.

Diese Entwicklung schmerzt alle, denen die Kirche zur geistlichen und emotionalen Heimat geworden ist. Sie lieben vor allem ihre Kirche vor Ort. Gleichzeitig leiden sie unter den Fehlern und dem Versagen in der Kirche. Daneben gibt es die Gruppe von Menschen, die sich über den Mitgliederrückgang freut und wünscht, dass sich die Kirche „mit ihren verknöcherten Ansichten und ihrer Überalterung selbst erledigt“, wie mir jemand schrieb. Diese Menschen sind oft von der Kirche so sehr verletzt oder enttäuscht worden, dass sich ihre Liebe in Hass gewandelt hat. Und dann gibt es diejenigen, die trotz ihrer schlimmen Erfahrungen mit der Kirche bereit sind, ihr bei der Aufarbeitung ihres Versagens zu helfen. Ich selbst durfte einige kenenlernen, die in der Kirche Missbrauch erlebt haben und trotzdem bereit sind, mit ihrem Rat die Kirche beim Kampf gegen den Missbrauch zu unterstützen. Die größte Gruppe der Menschen dürfte jedoch diejenige sein, für die die Kirche kaum bis keine Bedeutung mehr hat. Und somit stellt sich die Frage nach der Relevanz der Kirche.

Meiner Meinung nach ist die Kirche auf keinen Fall systemrelevant. Sie kann im günstigsten Fall ein staatliches und gesellschaftliches System unterstützen. Die Kirche muss sich aber immer die Freiheit bewahren, ein System zu kritisieren und eine Störung zu provozieren. Die Kirche wird auch nicht systemrelevant durch die Übernahme caritativer, sozialer oder kultureller Aufgaben – zumindest nicht in Deutschland. Hier übernehmen – Gott sei Dank! – Initiativen und der Staat selbst diese Verantwortung. Von der rein fachlichen Qualifikation her braucht man dafür heutzutage keine Kirche. Es verwundert mich daher nicht, wenn die Kirche durch diese Arbeit immer weniger punkten kann.

Die Kirche ist jedoch relevant für den konkreten Menschen, aber nur wenn sie ihm hilft, die Dimension Gottes zu entdecken. Dieses Thema möchte ich an einem aktuellen Beispiel verdeutlichen: das Coronavirus muss durch die Medizin, nicht durch das Gebet bekämpft werden. Trotzdem hilft das Gebet. Es kann Kraft geben, eigenes Leid zu ertragen und anderen Menschen beizustehen. Die Kirche kann keinen Impfstoff herstellen, sie kann jedoch dem Menschen die große innere Kraftquelle erschließen, die wir Gott nennen. Wenn die Menschen erleben, dass sie durch die Kirche finden, was sonst nirgends zu finden ist, würde sie an Bedeutung gewinnen. Sie würde dann machen, was ihr ureigenster Auftrag ist: dem Menschen ermöglichen, zum guten Leben zu finden und Gott in den Blick zu nehmen. Bruno Robeck OCist