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Spiritueller Zwischenruf aus Grevenbroich: Schnupfen, Husten, Panik

Spiritueller Zwischenruf aus Grevenbroich : Schnupfen, Husten, Panik

Wie sollen wir mit Menschen umgehen, die jetzt einen Herbst-Schnupfen bekommen? Weiten Abstand halten, weil sie auch Covid-19 haben könnten? Oder durch Nähe die Heilung beschleunigen?

Deutschlandweit liegt der Inzidenzwert über 50. Da fallen mir die beiden Seeungeheuer ein, denen sich Odysseus auf seiner Irrfahrt stellen musste. In einer Meerenge darf er weder Skylla mit ihren Fangarmen und sechs gefräßigen Köpfen zu nahe kommen, noch Charybdis, die alles verschlingt und wieder ausspeit. Einerseits besteht die Gefahr, in den Sog der Panik zu geraten. Andrerseits kann man erst zu spät merken, dass man in größter Gefahr schwebt. Das Ergebnis ist dasselbe: man kommt darin um.

Ich befürchte, dass wir jetzt in der Enge des Alltags oft zwischen Skylla und Charybdis hindurchfahren müssen. Das beginnt bei den Symptomen, die verstärkt auftreten werden. Schnupfen, Husten und Fieber können auf eine Erkältung, einen grippalen Infekt oder auf Covid-19 hinweisen. Wie werden wir mit verschnupften, hustenden Mitmenschen umgehen? Werden wir sie böse anschauen, weil wir in ihnen allergrößte Gefahr wittern, oder werden wir ihre Krankheitsanzeichen übergehen? Das richtige Verhalten wird wohl sein, sich weder von allen Menschen fernzuhalten, die im Winter husten und schniefen, noch sich unbekümmert allen Ansteckungsrisiken aussetzen, weil alles „halb so schlimm“ ist.

Ich habe mich gefragt: Wie hätte sich Jesus in solch einer Situation verhalten? Mir sind die Begegungen Jesu mit den Aussätzigen eingefallen. Die Menschen zu seiner Zeit hatten vor dem Aussatz eine panische Angst. Aussatz ist hochansteckend und war unheilbar. Er führte in die Isolation und in einen qualvollen Tod. Da es damals keine eindeutige Diagnostik gab, konnten tragischerweise auch Menschen, die an harmlosen Krankheiten litten, fälschlicherweise als aussätzig angesehen und verstoßen werden. Das war dann ein noch schlimmeres Schicksal als der tatsächliche Aussatz. Für uns heutige legt sich der Vergleich zwischen dem Coronavirus und dem Aussatz nahe, weil auch Covid-19 aufgrund der hohen Ansteckung in die Isolation führt und weil wir zurzeit kein Heilmittel entwickeln konnten.

Bei Jesus fällt mir auf, dass er nie von sich aus auf Aussätzige zugegangen ist. Bei gesellschaftlich und religiös Geächteten wie beim Zolleinnehmer Zachäus hat er sich selbst zum Essen eingeladen. Die Nähe zu denen, die wegen ihrer Krankheit verstoßen wurden und in der Einsamkeit leben mussten, hat er nicht gesucht. Er verschließt sich jedoch nicht dem Leid, das er sieht. Er lässt sich von allen kranken Menschen anrühren und er hat keine Berührungsängste. Es wirkt sehr provozierend, wenn Jesus gerade einen Aussätzigen, zu dem man unbedingt Abstand halten sollte, durch Körperkontakt heilt (vgl. Mk 1,40-44), wobei dieser Kontakt zu keinem Zeitpunkt für Jesus eine ernsthafte Gefahr darstellte. Jesus wusste, wie er heilen kann und seine Sendung war es, Rettung zu bringen und nicht einer Krankheit zu erliegen.

Von Jesu Umgang mit hochinfektiösen Menschen lernen, heißt für mich, sich nicht in eine Ansteckungsgefahr zu begeben. Es heißt aber sehr wohl, keine Panik vor schwerkranken Menschen zu haben und sich von ihnen abzuschotten. Gerade von kranken Menschen, die uns rufen, sollten wir uns anrühren lassen und ihnen soviel Nähe wie möglich schenken, weil das eine heilende Wirkung hat. P. BRUNO ROBECK OCIST