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Spiritueller Zwischenruf aus Grevenbroich: Das neue Jahr und die alten Probleme

Spiritueller Zwischenruf aus Grevenbroich : Das neue Jahr und die alten Probleme

Das Coronavirus hat auch Gutes bewirkt. Doch muss darauf gleich ein Loblied gesungen werden, fragt Bruno Robeck, Prior der Langwadener Zisterzienser-Mönche.

Ein wenig schade ist es schon, dass in diesen Tagen alle Neujahrsempfänge als Präsenzveranstaltungen abgesagt werden mussten. Sie sind zwar zum Teil anstrengend – besonders wenn sich die Einladungen häufen und man sich in der Pflicht sieht, ihnen nachkommen zu müssen. Andererseits herrscht bei diesen Zusammenkünften eine besondere Atmosphäre. Ich bin immer gespannt, welche Schwerpunkte der Hauptredner bei seinem Rückblick setzen wird und wie er das vergangene Jahr nicht nur abschließt,sondern als Basis für die Gestaltung der Zukunft inszeniert.

Bei den aktuellen Neujahrsansprachen – auch ohne Saalpublikum – kommt in diesem Jahr niemand um den Umgang mit dem Coronavirus herum. Es ist nicht nur Teil unserer Vergangenheit, sondern auch Teil unserer Zukunft. Mich wundert bei vielen Impulsen und Ansprachen zum Jahreswechsel, dass vielfach geradezu ein Lob auf das Virus gesungen wird. Corona hat zur Entschleunigung beigetragen. Es hat Hilfsbereitschaft und Solidarität in der Gesellschaft sichtbar gemacht. Viele Menschen sind durch das Virus nachdenklich geworden und besinnen sich auf das Wesentliche. Dank dem Coronavirus wurde etwas gegen die ungerechte Entlohnung wichtiger Arbeitsgruppen und gegen die unhaltbaren Arbeits- und Wohnbedingungen von vielen Fabrikarbeitern unternommen. Spitzensportfunktionäre mussten eingestehen, dass es bei ihnen auch ums Geld geht.

Diese neuen Einsichten, angestoßenen Veränderungen und positiven Entwicklungen sind gut und dürfen nicht kleingeredet werden. Doch welchen Preis mussten wir dafür zahlen? Musste wirklich erst ein aggressives Virus kommen, um uns nachdenklich zu machen und um uns zum Handeln zu bewegen? Warum gab es keinen anderen sanften Auslöser, der nicht die gesamte Menschheit mit so viel Leid und Tod hätte überziehen müssen? Wären nicht wir Christen dazu bestens geeignet, unsere Mitmenschen auf die ungesunde selbst gemachte Turbogeschwindigkeit aufmerksam zu machen, dem Hilfsbedürftigen beizustehen und für Gerechtigkeit und spirituellen Tiefgang einzustehen? Viele Christen mühen sich in ihrem engen Umfeld redlich und bewirken dort etwas. Aber in der breiten Bevölkerung fehlt sowohl ihnen als den Kirchen als ganze die Kraft zum Umsetzen und Durchsetzen ihrer Werte.

Die Gründe dafür sind vielfältig, zum Teil selbstgemacht. Wenn ich auf 2020 schaue, kann ich kein Loblied auf das Coronavirus anstimmen. Ich komme jedoch auch nicht um es herum. Es stellt mich in Frage und ich wünschte mir, dass es alle Menschen in Frage stellen würde: Werden wir in uns selbst die Kraft finden, die uns zum Guten lenkt, so dass wir nicht immer solch einen heftigen und katastrophalen Anstoß von außen brauchen, damit wir uns ändern? Wenn sich diese innere Kraft zum Guten in allen ausbreitet, dann haben wir viel gewonnen. Wenn nicht, dann werden wir 2021 wieder viel verlieren. Wir brauchen nichts dringender als diese innere Kraft, die uns motiviert, uns den Herausforderungen zu stellen, bevor sie zur Katastrophe werden.