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Spiritueller Zwischenruf aus dem Kloster Langwaden: Widerstand mit Argumenten und Respekt

Spiritueller Zwischenruf aus dem Kloster Langwaden : Widerstand mit Argumenten und Respekt

In seiner Kolumne beschäftigt sich Pater Bruno aus dem Kloster Langwaden mit Sophie Scholl und anderen Menschen, die mutig Widerstand leisteten – und er erklärt, welche Bedeutung überzeugende Argumente und der gegenseitige Respekt haben.

Auch nach 500 Jahren entzünden sich in Worms die Gemüter an religiösen Fragen. Der Wormser Polizeichef Thomas Lebkücher versuchte vor kurzem einige Demonstranten, die sich als Christen bezeichneten, mit den Worten Jesu nahezubringen, dass das Masketragen ein Akt der Nächstenliebe ist. Der Augustinermönch Martin Luther stand vor 500 Jahren vor dem Reichstag in Worms. Er wollte seine theologischen Kenntnisse erklären und einen Umkehrprozess in der Kirche einleiten. Während der Polizist mit seiner Aktion Erfolg hatte, musste der Mönch fluchtartig Worms verlassen, da der Kaiser ihn im Mai 1521 mit der Reichsacht belegte und für vogelfrei erklärte.

 Prior Bruno Robeck aus dem Zisterzienserkloster Langwaden.
Prior Bruno Robeck aus dem Zisterzienserkloster Langwaden. Foto: Melanie Zanin

Der gewaltlose Widerstand von Martin Luther in Worms erschließt sich mir aus dem Wort, das wohl authentisch von ihm stammt: „Mein Gewissen ist in Gottes Wort gefangen.“ Der einfache Augustinermönch war nicht in der Angst vor den Mächtigen seiner Zeit gefangen. Er hatte sich innerlich eine Freiheit erkämpft. In dieser Freiheit richtete er sich nicht gewaltsam gegen andere, sondern wünschte sich eine sachliche Auseinandersetzung mit ihnen. Er war frei, über seine Erkenntnisse zu diskutieren.

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In Worms war jedoch keine Diskussion gewünscht, sondern seine bedingungslose Unterwerfung gefordert. Es kam zum Bruch und zum erbitterten Kampf, in dem alle Beteiligten in der Folgezeit große Schuld auf sich luden. Der Wormser Polizeichef Thomas Lebkücher stellte sich allein einer Gruppe von Demonstranten, die sich demonstrativ über die Corona-Schutzmaßnahmen hinwegsetzten. Er widerstand der Versuchung, auf den Druck mit Gegendruck zu reagieren. Er löste den Konflikt durch überzeugende Argumente. Am Ende waren alle in Gottes Wort gefangen und fanden auf diese Weise zu gegenseitigem Respekt und zur Rücksichtnahme – zumindest für kurze Zeit.

Eine dritte Person, auf die das Lutherwort ebenfalls passt, konnte leider nicht überleben. Sie musste wegen ihrer Überzeugung mit 21 Jahren sterben: Sophie Scholl, die in diesem Monat vor 100 Jahren geboren worden ist. Sie schrieb am 12. Februar 1942 in ihr Tagebuch: „Wenn ich die Menschen um mich herum sehe, und auch mich selbst, dann bekomme ich Ehrfurcht vor dem Menschen, weil Gott seinetwegen herabgestiegen ist. Auf der anderen Seite wird mir dies immer am unbegreiflichsten. Ja, was ich an Gott am wenigsten begreife, ist seine Liebe.“ Ihre Vernunft und ihr Glauben ließen Sophie Scholl konsequent und sachlich gegen das menschenverachtende NS-Regime kämpfen.

Widerstand ist manchmal notwendig in der Corona-Krise, in der Kirche, in der Gesellschaft. Er erfordert immer Mut und kann einsam machen. Christlicher Widerstand ist immer an Gottes Wort gebunden. Er beabsichtigt nie, mit Gewalt und lautem Getöse andere zu überwältigen und die eigene Meinung durchzusetzen. Christlicher Widerstand richtet sich nicht gegen Menschen, sondern gegen die Versuche, dem Menschen die Würde und Freiheit zu nehmen, die Gott ihm zugesprochen hat. Plötzlich kann auch für mich die Frage aktuell werden: Muss ich Widerstand leisten? Worin bin ich gefangen: in Gottes Wort, in meinen Ängsten? Wie werde ich mich verhalten? Prior Bruno Robeck OCist