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Grevenbroich: Soldat rettete Kinderleben

Grevenbroich : Soldat rettete Kinderleben

Der britische Soldat George Sinclair wurde 1919 zum Lebensretter: In Frimmersdorf bewahrte er einen Jungen vor dem Ertrinken. Seine Enkelin Julie Hewitt fand jetzt die Dokumente der Heldentat auf dem Speicher wieder.

Der Waffenstillstand zwischen Deutschland, seinen Verbündeten und den Alliierten wurde am 11. November 1918 unterzeichnet. Der Erste Weltkrieg war damit beendet. Nicht für George Edward Sinclair (27). Er gehörte zum Korps der "Royal Engineers" der britischen Armee, war in Frimmersdorf eingesetzt. Eigentlich hätte auch er an jenem 5. Juni 1919 schon zurück in der Heimat sein können, nach Newcastle upon Tyne. Doch der Brite wurde an jenem Tag zum Helden: Er barg einen bereits bewusstlosen Jungen aus der Erft, rettete ihm mit einem beherzten Sprung in das Wasser das Leben.

Ein Foto: Privat

George Sinclair kehrte nach Großbritannien zurück, blieb in Kontakt mit der Familie des Geretteten. Dessen Vater Peter Nauen schickte ihm nicht nur ein Foto seines Sohnes aus dem Fotoatelier Jähne, sondern auch Zeitungsberichte, etwa aus der Grevenbroicher Zeitung vom 10. Juni 1919.

Dass George Sinclairs mutige Rettung nach 93 Jahren nicht vergessen ist, liegt an seiner Enkelin Julie Hewitt (59) — und am Zufall. Hewitt räumte den Dachboden im mütterlichen Haus auf, fand dabei den vergilbten Zeitungsausschnitt und das sepiafarbene Foto des Jungen, den ihr Großvater vor dem sicheren Tod bewahrt hatte. "Plötzlich fielen mir all' die Geschichten wieder ein, die ich als Kind über meinen Grandpa gehört hatte", schreibt Hewitt in einer E-Mail an die NGZ-Redaktion. "Früher habe ich mich wenig dafür interessiert, hatte es doch nicht viel mit mir selbst zu tun."

Julie Hewitt hielt die Erzählungen über die Heldentat ihres Opas wohl für eine jener Geschichten, die jede Familie kennt: Ein Ereignis wird mit jeder Wiederholung etwas ausgeschmückt, ein wenig spannender und wichtiger, als es vielleicht war. Umso erstaunter war die Britin jetzt, als beim Aufräumen auf dem Dachboden diese Erinnerungsstücke zu finden.

"Ein Hoch dem kühnen Retter", ist in der "Grevenbroicher Zeitung" zu lesen. Zu finden ist sie etwa im Grevenbroicher Stadtarchiv bei Thomas Wolff und Wolfgang Brandt. Auf acht Zeilen wird geschildert, wie der vorbeikommende Soldat das Kind aus der Erft barg. Ob George Sinclair weiter verfolgt hat, was aus dem Kleinen wurde? Diese Frage kann seine Enkelin nicht beantworten: "Soweit ich weiß, war er nie wieder in Grevenbroich, auch nie wieder in Deutschland." Auch den Namen des Geretteten kennt Julie Hewitt nicht, nur den seines Vaters, Peter Nauen.

Doch eines weiß die Britin, deren Vater ebenfalls Soldat war und deren Familie an unterschiedlichen Orten stationiert war: "Meine drei Schwestern und ich sind sehr stolz auf unseren Großvater." Wenn man älter werde, interessiere man sich mehr für die Vergangenheit, für Geschichte: "Ich habe in Belgien und Frankreich die Kriegsgräber von Briten und Deutschen besucht. Heute weiß ich viel mehr, habe mehr Verständnis für beide Seiten", sagt sie. Die Erinnerungsstücke von George Sinclair wird auch sie in Ehren halten — der Soldat, der zum Lebensretter wurde.

(NGZ/ac)