Grevenbroich: Schütze – Auswanderer – Nazi-Opfer

Grevenbroich : Schütze – Auswanderer – Nazi-Opfer

Alfred Heinemann war ein Grevenbroicher Original. Zweimal musste der Mann nach Amerika flüchten, weil er in der Stadt für Skandale sorgte. Heinemann war aber auch Schütze und gründete den Süd-West-Zug. Ulrich Herlitz vom Geschichtsverein hat im Leben des Grevenbroichers geforscht.

Die Heinemanns waren stadtbekannt. An der Breite Straße 18 betrieb die Familie ein Geschäft für Herrenkonfektionen. Mit zwei Brüdern und zwei Schwestern wuchs Alfred Heinemann in der heutigen Fußgängerzone auf. Zum Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitete sich sein Name wie ein Lauffeuer durch Grevenbroich.

"Schuld daran war ein Liebesabenteuer", erzählt Ulrich Herlitz. Heinemann hatte ein Techtelmechtel mit einer Kellnerin — die ausgerechnet die Liebste des Kneipenchefs Josef Portz war. Als die Liaison aufflog, verstand der Gaststättenbesitzer keinen Spaß: "Er zwang Alfred Heinemann, ohne Hosen über die Breite Straße in das elterliche Haus zu laufen. Ein Skandal!", berichtet Herlitz. Das war zu viel: Heinemann musste 1911 seine Heimatstadt verlassen und emigrierte für einige Jahre in die USA.

Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte er zurück — und beging erneut eine Dummheit. "Heinemann schrieb an amerikanische Freunde von seinen Eindrücken im besiegten Deutschland, kritisierte den abgedankten Kaiser, lobte die Besatzer und sprach davon, dass es den Deutschen gut ginge", schildert Herlitz. Als diese Briefe in einer US-Zeitung und später auch in Grevenbroich veröffentlicht wurden, war der Sturm der Entrüstung groß.

"Heinemanns Beschreibung verkannte die politisch überaus angespannte Situation und die Befindlichkeiten der Grevenbroicher, die unter allierter Besatzung standen", berichtet Herlitz. Bürgermeister Vollmer sah sich sogar genötigt, den Brief in einer Stadtratssitzung zu thematisieren — und seine "tiefste Entrüstung über das Verhalten des jungen Mannes" auszudrücken. Die Folge: Heinemann musste ein zweites Mal nach Amerika.

Doch die Grevenbroicher verziehen ihm: Der Auswanderer kehrte zurück an die Erft — und wurde populär als Mitglied des 1920 neu gegründeten Bürgerschützenvereins. Zur Freude der Schlossstädter hielt er in dieser Funktion die belgischen Besatzungstruppen in Atem. Denn Heinemann und seine Kameraden hatten sich dazu entschlossen, einen Süd-West-Zug zu gründen — mit Uniformen, die an die koloniale Zeit des Deutschen Reichs erinnerten. . .und die waren den Besatzern ein Dorn im Auge. Nach vielen Scharmützeln wurde der 50 Mann starke Zug 1925 verboten.

Ein Jahr zuvor hatte Alfred Heinemann das väterliche Geschäft übernommen und erregte einmal mehr großes Aufsehen, weil er in seinem Schaufenster Modenschauen mit echten Mannequins organisierte — die sorgten für Menschenaufläufe. "Heinemann war ein erfolgreicher Kaufmann. Er war angekommen in der Weimarer Republik und als ,deutscher Staatsbürger israelischer Religion' in seiner Heimatstadt ein geachteter Mann", berichtet Ulrich Herlitz.

Doch die Nationalsozialisten vertrieben ihn aus Grevenbroich: Die Familie Heinemann wurde im Oktober 1941 von Köln in das Ghetto nach Lodz deportiert und ist dort ermordet worden. 2011, 70 Jahre danach, verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig vor dem frühen Heinemann'schen Haus an der Breite Straße einen seiner "Stolpersteine", der an die Familie erinnert. Mit dabei war auch Rolf Levy, der Neffe des damals stadtbekannten Originals.

(NGZ/rl/url)
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