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Rhein-Kreis Neuss: Mehr junge Frauen suchen Hilfe bei der Fachstelle Glücksspielsucht der Caritas.

Hilfe im Rhein-Kreis Neuss : Immer mehr Frauen suchen Hilfe wegen Online-Glücksspielsucht

Immer mehr und vor allem immer mehr jüngere Frauen suchen Hilfe bei der Fachstelle Glücksspielsucht der Caritas, weil sie allein nicht mehr vom Online-Glücksspiel loskommen. Verena Verhoeven weiß, wie schnell die Abhängigkeit kommt.

In der Corona-Pandemie boomen Glücksspiele im Netz. Warum immer mehr Frauen dem Online-Gambling verfallen, und weshalb der neue Staatsvertrag Glücksspiel, der am 1. Juli in Kraft tritt, Spielsüchtigen nur bedingt hilft, weiß Verena Verhoeven, seit 24 Jahren Leiterin der Fachstelle Glücksspielsucht der Caritas im Rhein-Kreis.

Inwiefern hat sich Glücksspiel in den vergangenen Jahren – und insbesondere in Corona-Zeiten – verändert?

Verena Verhoeven Insgesamt wächst der Glücksspielmarkt seit Jahren. In der Pandemie sind Spielhallen und Kasinos geschlossen – also suchen Spieler ihr Glück online. Diesen Trend zum Online-Glücksspiel bemerken wir auch bei den Anfragen, die uns erreichen.

Hat sich durch die Verlagerung des Glücksspiels ins Internet auch die Klientel verändert?

Verhoeven Die Menschen, die aufgrund von Spielsucht in unsere Beratungsstelle kommen, sind vermehrt jünger – und vor allem häufiger weiblich. Mittlerweile sind 20 Prozent Beratung suchende Frauen – und geschätzt 90 Prozent dieser Anruferinnen melden sich wegen einer Online-Glücksspielproblematik. Früher waren die Frauen, die zu uns kamen, rund zehn Jahre älter als Männer; eher Mitte 40; heute suchen deutlich jüngere Frauen aus allen sozialen Schichten in der Fachstelle Hilfe.

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Was treibt Frauen in die Online-Glücksspielsucht?

Verhoeven Männer suchen Action – Frauen emotionale Selbstberuhigung. Für manche ist es auch eine seelische Stütze, die vor Gewalt, Überforderung oder anderen Problemen schützt. Durch den Lockdown sind Frauen doppelt und dreifach belastet – Home Office, die Betreuung der Kinder im Home-Schooling – und dann noch kochen, putzen, Wäsche waschen. Spielaffine Frauen entspannen beim Online-Glücksspiel. Ein schnelles Spiel lässt sich ganz leicht in den Alltag integrieren. Viele sagen: Das ist die Zeit, die nur mir gehört. Aber auch die kurzen Spiele zwischendurch können der Einstieg zu süchtigem Spielverhalten sein.

Warum sind Online-Glücksspieler besonders suchtgefährdet?

Verhoeven Online-Glücksspiel gilt als Sucht-Turbo – die Spiele sind 24 Stunden am Tag an praktisch jedem Ort verfügbar; der Zugang klappt ganz leicht – auf dem Smartphone beispielsweise. Man spielt viele Spiele schnell hintereinander, setzt möglicherweise viel Geld ein, weil das Gefühl für Geldverlust völlig fehlt; ebenso die soziale Kontrolle.

Wie gerät man in die Suchtspirale?

Verhoeven Meist fängt alles ganz harmlos an – mit Spielen ohne Geldeinsätze, bei denen man häufig gewinnt. Doch einen Klick entfernt lockt schon der Cash-Bereich. Diese Angebote sind deshalb attraktiv, weil man scheinbar Geld spart. „Zahle 10 Euro und spiele für 50“ heißt ein gängiges Lock-Angebot zum „Anfüttern“. Oder: „Hast du schon einmal Blackjack gespielt? Du musst nur zwei Euro einsetzen.“ Wer jetzt auf den entsprechenden Button klickt, ist schon drin im Online-Gambling.

Wann wird das schnelle Online-Spielen zur Sucht?

Verhoeven Ein Hinweis ist die lange Verweildauer auf den Spiele-Seiten. Verleugnen die Betroffenen die lange Verweildauer und die Höhe des Geldeinsatzes, deutet das auf Suchtverhalten hin, genau wie das Spielen während der Arbeitszeit. Am Ende räumen manche die Konten von Verwandten leer, andere erhalten einen Brief vom Vermieter, weil sie seit sechs Monaten rückständig sind.

Kann der neue Glücksspielstaatsvertrag, der am 1. Juli in Kraft treten soll, und bisher illegale Glücksspiele im Internet wie Online-Poker, Online-Casinos oder Online-Automatenspiele legalisiert, Spielsüchtigen helfen?

Verhoeven Nur bedingt. Dass sich Online-Spieler nicht mehr auf einem Schwarzmarkt bewegen und besonders Jugendliche besser geschützt sein werden, ist positiv. Allerdings mangelt es an der Umsetzung. Der in dem Gesetz festgeschriebene Maximaleinsatz von 1000 Euro beispielsweise ist zu hoch. In der Neusser Fachstelle gibt es nur wenige Hilfesuchende, die sich einen solchen Betrag leisten können. Zudem wird ein anbieterübergreifendes Sperrsystem, bei dem man sich selbst oder andere sperren lassen kann, um spielen über dem eigenen Limit zu unterbinden, in dem Staatsvertrag nicht weit genug konkretisiert. Aber Spielsucht bedeutet ja gerade, dass man sein Spielverhalten selbst nicht mehr regulieren kann.

Wie helfen Sie Betroffenen?

Verhoeven Unsere Psychotherapeuten und Sozialpädagogen führen Einzel- und Gruppengespräche und versuchen unter anderem den Auslöser zu finden, der zur Glücksspielsucht geführt hat. Betroffene müssen lernen, dass Glücksspiel wie ein Medikament funktioniert, etwa beruhigt oder depressive Stimmung ausblendet – und wie sie lernen, ein Leben ohne Glücksspiel führen, auch, um ihre Schulden zu regulieren. Nicht selten sind das 25.000 bis 50.000 Euro. Eine Beratung dauernd drei Monate, eine Therapie bis zu eineinhalb Jahre.