Professor Doktor Ulrike Guérot in Grevenbroich

Interview mit Ulrike Guérot : Europa als politisches Dach

Eintrag ins Goldene Buch und Vortrag: Die Professorin ist heute im „Pascal“.

Frau Guérot, wo sind Sie denn zu Hause?

Europa-Kennerin Ulrike Guérot ist heute im Pascal-Gymnasium. Foto: Tinter, Anja (ati)

Ulrike Guérot Eine interessante Frage. Es gibt verschiedene Arten von Heimat, die territoriale, die geistige und die emotionale. Ich bin sehr mobil, unterhalte eine kleine Wohnung in Krems, weil ich hier an der Uni Europapolitik und Demokratieforschung unterrichte. Aber ich reise viel und meine stärkste Heimat ist die geistige Heimat, nämlich Europa. Die Menschen, mit denen ich zusammen arbeite, sind meine soziale Heimat. Konferenzen sind dabei so etwas wie Familientreffen.

Warum ist das smarte Dorf Grevenbroich ein wichtiger Puzzlestein im großen Europa?

Guérot Grundsätzlich versuche ich eine Brücke zu schlagen und die Frage zu beantworten, was den Bürgern in Grevenbroich fehlen würde, wenn es Europa nicht gäbe. Bologna, Paris, London oder Grevenbroich – keiner soll seine Identität verlieren. Europa als ein gemeinsames politisches Dach ist Einheit in Vielfalt. Es schafft neue Verbindungen zwischen den Regionen.

Wie skizzieren Sie Europa?

Guérot In meinem Buch „Europa als Republik“ baue ich ein politisches Modell als kleine politische Utopie. Letztlich lässt sich Europa als gemeinsames Dach ebenso vorstellen, wie es jetzt in der Bundesrepublik der Fall ist nur eben weiter Deutschland verbindet auch den Hanseaten und den Schwaben unter dem gemeinsamen Dach, ohne dass der eine seine Identität oder Heimat verliert. Europa als Republik bedeutet, sich einen Zustand vorzustellen, in dem alle gleiches Recht teilen, ohne emotionale Erinnerungen, also Heimat, einbüßen zu müssen.

Wie lassen sich Lokales und Europäisches verknüpfen?

Guérot Das Gras der anderen ist nicht grüner als das eigene. Letztlich bewegen die Menschen in Budapest und Bologna doch ähnliche Sorgen und Nöte wie in London oder Paris. Europa hat seine gemeinsame Währung und Wirtschaftsunion. Das gemeinsame politische Dach halte ich für notwendig, da möchte ich hin.

Wie ist es, jetzt für einen Vortrag nach Grevenbroich zu kommen?

Guérot Ich möchte zu „Ideen zur Zukunft Europas“ sprechen. Aber jenseits dieser 30 Minuten sind es sehr persönliche Reflexionen, die ich vortragen will. Um mit Kant zu sprechen, ist eine grundlegende Frage „wo komme ich her, wo gehen wir hin, wie sollen wir leben?“ In meinem Fall bedeutet das: Wie bin ich aus Grevenbroich nach Europa gekommen? Und wie kann ich beides miteinander verbinden, gibt es eine Möglichkeit der Rückkopplung.

Sie werden sich auch in das Goldene Buch der Stadt Grevenbroich eintragen. Wie aufregend ist das?

Guérot Das kommt für mich sehr unerwartet und ist eine große Auszeichnung. Ich bin mir sehr wohl dessen bewusst, welche prominenten Personen sich dort eingetragen haben. Christian Wulff beispielsweise, er ist doch ein anderes Kaliber als ich. Tatsächlich bin ich gleichermaßen geehrt wie aufgeregt. Von anderen Auszeichnungen weiß ich: Das ist Freude und Demut zugleich. Und es ist wie beim Fußball: Bei einem Heimspiel muss alles klappen.

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